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Endlich war der Frühling auch im hohen Norden angekommen. Vorbei waren die Tage der langen Geschichten und Abenteuer, die sich Eddy Erdmännchen und die Otter in der Otterhöhle erzählt hatten. Jetzt hieß es wieder: neue Geschichten und Abenteuer erleben.
Doch für Eddy war auch die Zeit gekommen, Lebewohl zu sagen, und so gab es ein großes Abschiedsfest, zu dem alle kamen: die Adler, die Seehunde Smollett und Flint, Eisbär Bulwai mit seiner Familie und natürlich alle Otter vom Fjord.
Schließlich, als alle versammelt waren, ergriff Großvater Oluf feierlich das Wort.
„Mein lieber Eddy! Du bist uns ein guter Freund geworden, und wir alle haben dich sehr gern. Natürlich wären wir überglücklich, wenn du bei uns bliebst. Aber: Der kalte Norden ist nun mal keine Heimat für ein Erdmännchen. Darum haben wir uns überlegt, wie du wohlbehalten nach Afrika gelangen kannst. Und ich möchte noch…“
„Los Opa, sag schon!“, riefen die Otterkinder ungeduldig.
„Ääh, natürlich. Also, wir haben alle zusammengelegt und einen Flug für dich gebucht.“
„Einen Flug? – nach Afrika?“, Eddy war begeistert. „Das ist… ich…ääh,“ er stutzte.
„Wie bucht denn ein Otter einen Flug?“
Ungläubig blickte er in die schelmisch grinsenden Gesichter seiner Freunde.
„Ihr nehmt mich auf den Arm?!“
„Nein auf den Rücken!“, schallte es plötzlich von oben, und wie aus dem Nichts, tauchte über ihm ein großer Vogel auf. Aber nicht irgendein Vogel.
„Hallo Eddy!“
Eddy horchte auf. Irgendwoher kannte er diese Stimme.
„Willkommen bei Ernest Airline!“, tönte es aus der Luft.
Jetzt fiel der Groschen: „Ernest? – Ernest! – Du? – Hier?“
Mit einem lauten Lachen landete der Vogel direkt neben Eddy.
Mit Ernest dem Gänserich hatte Eddys lange Reise begonnen, und mit ihm sollte sie nun auch enden. Die Otter hatten Eddys Geschichten aufmerksam gelauscht, und eine Briefmöwe nach Ernest ausgeschickt.
Es gab natürlich viel zu erzählen, und so wurde das Abschiedsfest zugleich zur Wiedersehensfeier.
Gleich in der Früh begann Eddys Rückreise. Noch ein letztes mal umarmte er seine Freunde. Dann schwang er sich auf Ernests Rücken, und sie erhoben sich in die Lüfte.

Auf nach Afrika

Eine Wildgans schafft die Strecke von Norwegen bis nach Afrika ohne Pause – wenn sie dabei nicht gerade ein Erdmännchen auf dem Rücken hat. Also plante Ernest gleich ein paar Zwischenstationen ein.
„Ihr Flugkapitän Ernest heißt sie willkommen an Bord. Erstes Etappenziel: Großbritannien.“
Eddy genoss die grandiose Aussicht. Unter ihnen tiefblaues Meer, über ihnen hellblauer Himmel, vor ihnen… Vor ihnen?!
„Ernest! Da!“
„Ich sehe es.“
Eine dunkle Wolkenwand wälzte sich auf sie zu. Blitze flackerten, Donnergrollen erfüllte die Luft.
„Was machen wir denn jetzt?“, rief Eddy ängstlich.
„Na was wohl?! Alles klar zur Kurskorrektur! Neuer Kurs: Nord-Nordwest.“
Elegant drehte Ernest bei. Jetzt schob sie der stürmische Wind, der ihnen gerade noch ins Gesicht geblasen hatte, vor sich her.
„Juchhu – mein Lieblingswind heißt Rückenwind!“ Ernest ließ sich durch nichts die Laune verderben. Langsam wurde das Donnern leiser, und schließlich flogen sie wieder ruhig dahin. Doch dann!
„Du Ernest, sag mal, ist da vorn noch ein Gewitter?“
Vor ihnen türmte sich erneut eine Wolkenwand auf. Aber irgendetwas war dieses mal anders. Eddy rümpfte die Nase:
„Riechst du das?“
„Boah, das ist ja widerlich! “
„Das ist…,“ voller Entsetzen starrte Eddy in die Wolke. „Das ist ein Vulkan!“
Zu spät. Die stinkende Qualm schien plötzlich überall zu sein und brannte in ihren Augen. Fast blind sauste Ernest in die Wolke hinein.
„Luft anhalten!“
Doch so schnell sie hinein geflogen waren, so schnell kamen sie auch wieder heraus.
Endlich konnten sie wieder durchatmen.
Aber der Blick nach unten vehieß nichts Gutes. Eine sonderbare Landschaft breitete sich unter ihnen aus. Dunkle, spärlich mit Gras bewachsene Berge, Lavafelder, schroffe Felsen.
„Wo sind wir hier?“, fragte Eddy
Doch bevor Ernest antworten konnte, ertönte ein lautes Zischen, und eine Fontäne aus kochend heißem Wasser kam aus der Erde geschossen – ein Geysir.
Zu Tode erschrocken geriet Ernest aus der Balance und begann dem Boden entgegen zu taumeln. „Achtung! Festhalten!“, rief er noch. Dann landeten sie unsanft auf einem Felsplateau. Sie rutschten noch ein Stück um dann benommen liegen zu bleiben. Bauchlandung.

Auf der Feuerinsel

Einen kurzen Moment war Stille, dann entfuhr Ernerst ein gequältes ‚Aua!‘.
„Ernest, bist du verletzt?“
„Mein Flügel.“
„Oh nein!“
Da hockten sie nun auf einem großen Felsen inmitten der bizarren Vulkanlandschaft.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte Ernest mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Erst mal dich verarzten,“ antwortete Eddy entschlossen. Dann kramte er den Verbandskasten aus seinem Rucksack und verband behutsam Ernests Flügel. Danach holte er seine Karte hervor und studierte sie.
„Hmm, eine Feuerinsel… im Nordmeer… Da! Island!“
„Na toll, Eddy. Jetzt ist Afrika noch weiter weg.“
„Ich glaube langsam, je mehr ich nach Süden will, umso weiter komme ich nach Norden.“
„Dann solltest du vielleicht nach Norden wollen.“
Eddy schmunzelte gequält, aber eigentlich war er ziemlich geknickt.
„Wir sollten erst mal von diesem Berg runter,“ schlug er vor. „Vielleicht finden wir da unten ja Hilfe.“
An fliegen war mit Ernests Verletzung nicht zu denken, also stand jetzt ein Fußmarsch an. Eddy ging voran, und der Gänserich watschelte hinterher. Aber der Abstieg war gefährlich.
„Achtung! Wir müssen jetzt klettern.“
„Klettern?“, rief Ernest entsetzt.“Bin ich ein Affe?“
„Du schaffst das.“
„Na du hast gut reden. Aber kletter du mal mit Schwimmflossen!“
Eddy stützte Ernest, so gut er konnte. Aber es kam, wie es kommen musste.
Ernest rutschte aus und stürzte mit Eddy schreiend hinab.
Platsch! – Sie waren in ein Wasserloch gefallen. Es dauerte eine Weile, bis sich beide wieder berappelt hatten.
„Ein Glück, wir leben noch,“ stammelte Ernest und Eddy sah ihn bibbernd vor Kälte an.
„Aber ich erfriere gleich.“
„Hahaha,“ irgendwo aus der Nähe drang ein Lachen zu ihnen. „Ihr seid ins falsche Becken gesprungen! Das ist doch saukalt.“
„Ernest! – Hast du das gehört?“
„Das kam von da vorn.“
Hastig kletterten unsere Freunde aus dem Wasser und entdeckten nicht weit entfernt
ein weiteres Wasserloch, von dem eine Dampfwolke aufstieg. Darin saß ein Waschbär, der sich köstlich über die beiden amüsierte.
„Hey Leute, versucht es doch mal in meinem Pool.“
Zögerlich stiegen die Gefährten zu dem Waschbär ins Wasser.
„Ooh, ist das warm.“
„Herrlich!.“
„Tja, das ist das Gute an unseren Vulkanen,“ schwärmte das pelzige Tier. „Man hat immer Warmwasser. Ich heiße übrigens Conny.“
„Hi Conny, Ich bin Ernest.“
„Und ich bin Eddy Erdmännchen.“
„Soso, Eddy Erdmännchen, hmm – naja, das sollen andere entscheiden.“
Eddy fiel gleich der skeptische Blick der Waschbärs auf, aber er ließ sich nichts anmerken.
„Mein Freund hier ist verletzt. Kannst du uns weiterhelfen?“
„Na klar. Wir helfen jedem, der uns darum bittet. Kommt mit.“

In der neuen Welt

Sie stiegen aus dem Pool, und Conny brachte sie an einen wundersamen Ort ganz in der Nähe: Ein tiefes Tal, das von saftig grünen Bergwiesen gesäumt wurde. Bäche und Rinnsale durchzogen die Landschaft, um nicht weit entfernt ins Meer zu münden. An den Berghängen sah man Eingänge zu offensichtlich bewohnten Höhlen.
In dem Tal herrschte reges Treiben. Unzählige Tiere – große und kleine, Jäger und Beutetiere – schienen dort friedlich miteinander zu leben.
Conny gab einen Laut von sich. Sogleich schauten alle auf und kamen eins nach dem anderen zu ihnen herüber. Im Nu waren die Drei von den Tieren umringt. Dann trat eine stattliche Wildgansdame aus der Menge hervor.
„Oh, die ist aber hübsch.“
„Still, Ernest.“
Conny flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann erhob sie das Wort.
„Willkommen Fremde, ich bin die Pip.
„Die was?“, flüsterte Ernest.
„Du willst also Eddy Erdmännchen sein?“
„Ich bin Eddy Erdmännchen!“
„Nun, Robben und Seevögel haben uns von Eddys Heldentaten berichtet.“
„Echt jetzt?“
„Eddy, du bist hier der Star,“ Dann senkte Ernest die Stimme und fuhr fort: „Vielleicht kannst du bei ihr mal ein Wort für mich…“ „Psssst!“ Eddy buffte den Gänserich an.
„Es heißt Eddy Erdmännchen sei ein riesiges Tier,“ fuhr die Wildgansdame fort. „Stark, intelligent, gutaussehend, mit einer respekteinfößenden Erscheinung.“
„Seht ihr!“, rief Eddy selbstbewusst. “Passt doch. Ääh, bis auf die Größe vielleicht.“
Die Tiere lachten. Ganz offensichtlich hielt man ihn für einen Schwindler.
“Hey Leute. So ist das mit Heldengeschichten. Da wird auch mal etwas übertrieben.“
„Wir werden sehen,“ rief die Pip. „Ihr könnt erst einmal bleiben, bis dein Freund wieder gesund ist.“ Dann wandte sie sich dem Waschbär zu: „Du, Conny, kümmerst dich um sie.“
“Klar Pip.“
Danach drehte sie sich um und schritt majestätisch davon.
„…und sie watschelt so elegant…“ Mit sehnsüchtigem Blick folgte Ernest ihren Schritten.

‚Pip‘ – das war kurz für ‚Prima inter pares‘. Das bedeutet: Erste unter Gleichen. Sie war also nicht mächtiger als alle anderen. Aber ihr Wort hatte Gewicht.
„Toll, da ist man in der ganzen Welt berühmt, und keiner glaubt es einem.“ Eddy war ziemlich frustriert.
„Ich glaube dir… ein bisschen.“
„Danke Conny. Das ist lieb von dir.“
„Kommt erst mal mit, ich zeige euch alles hier.“
Dann führte der Waschbär sie durch das Tal. Viele der Bewohner hatten ihr Zuhause durch die Menschen verloren und waren hergekommen, um hier eine neue Heimat zu finden. Auch Conny, der eigentlich Amerikaner war. Und jeder hier hatte eine Aufgabe:
Schafe gaben Milch und Wolle, Hühner legten Eier, Wildschweine wühlten nach Pilzen und Wurzeln, Möwen brachten Fisch und die Robben suchten nach Nützlichem zwischen all dem Müll, den die Menschen von ihren Schiffen ins Meer warfen. So war für alles gesorgt.
Eddy und Ernest genossen die Zeit im Tal, und Ernests Flügel ging es von Tag zu Tag besser.

Bedrohung

Eines Morgens, unsere Freunde waren gerade aufgestanden, um beim Kräuter sammeln zu helfen.
„Wo sind denn alle hin?“
Das Tal war leer. Niemand weit und breit. Es herrschte eine bedrückende Stille.
„Eddy, irgendwas stimmt hier nicht.“
Conny kam aufgeregt zu ihnen gelaufen.
„Eddy, Ernest! Versteckt euch!“
„Was ist denn los?“
„Unten am Ufer ist eine Eisbärin aufgetaucht. Eine Eisbärin! – Auf Island!“
Dann rannte er davon.
„Los Eddy, wir müssen auch weg.“
Aber Eddy blieb stehen und blickte entschlossen Richtung Meer.
„Oh nein!“ Ernest ahnte gleich, was Eddy vorhatte. „Du musst niemandem etwas beweisen:“
„Doch! – Dass ich Eddy Erdmännchen bin.“
Er nahm all seinen Mut zusammen und machte sich, allen Warnungen zum Trotze, auf den Weg. Beherzt schritt er voran, als ein Brüllen die Stille durchbrach. Dann sah Eddy die Eisbärin, direkt auf sich zukommen, und plötzlich kamen ihm Zweifel:
„Was habe ich mir nur dabei gedacht?!“
Zu spät. Schon stand sie vor ihm, richtete sich auf und blickte grimmig auf ihn herab.
„Du stellst dich mir in den Weg?“
Jetzt hieß es: Nerven behalten. Eddy fiel ein, dass er eigentlich nur nette Bären kennengelernt hatte. Der Gedanke ermutigte ihn, und er stellte sich mit breiter Brust vor das angsteinflößende Tier.
„Für einen Eisbären, bist du ganz schön unfreundlich.“
„Was weißt du denn schon über Eisbären?!“
„Ich kenne sogar einen, und wenn der hier wäre, der würde…!“
„Sei still!“ Die Stimme der Bärin dröhnte durch das Tal.
„Mein Kumpel Bulwai hat nicht so rumgebrüllt.“
„Mir reicht’s!“
Dann erhob die Bärin ihre Pranke und holte zum Schlag aus. Eddy kauerte sich zusammen. Doch plötzlich hielt sie inne.
„Ääh, sagtest du Bulwai?“
„Jaah!.“
Die Stimme der Bärin begann zu zittern:„Du kennst Bulwai?!“
“Oh ja – groß, weiß, schwarzer Fleck am rechten Ohr, netter Kerl.“
„Bulwai! – Los, du musst mir alles erzählen.“
Sie setzte sich hin und blickte Eddy mit einem sanften, fast hilflosen Blick an. Dann begann Eddy zu erzählen. Die ganze Geschichte von Bulwai, und was aus ihm wurde. Und während er erzählte, begannen die Augen der Bärin zu glänzen. Dann kullerten dicke Tränen ihre pelzigen Wangen hinab. Sie war Bulwais Mutter und hatte bereits viele Monate nach ihrem Sohn gesucht.
„Eddy, ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.“
„Nicht dafür. Komm mit, ich stelle dich meinen Freunden vor.“

Der Held kehrt zurück

Bulwais Mutter nahm Eddy auf den Rücken, und dann schritten sie ins Tal, das noch immer wie leergefegt war.
„Hey Leute, kommt raus,“ rief Eddy. „Ich möchte euch mit jemandem bekannt machen!“
Nach und nach kamen die Tiere aus ihren Verstecken. Allen voran Conny.
„Es lebe Eddy Erdmännchen!“
Gefolgt von der Pip.
„Ein Hoch auf Eddy das Erdmännchen!“
Ernest schob sich ein kleines Stückchen näher an die Wildgansdame heran. „Das ist mein Kumpel, den habe ich hergebracht.“
„Sag bloß?!“, kam es nüchtern zurück.
Dann brach frenetischer Jubel aus. Überall riefen sie Eddys Namen und ließen ihren Helden hochleben.
Und natürlich gab es ein rauschendes Fest – das längste Fest, das Eddy je erlebt hatte; denn die Sonne blieb an diesem Tag einfach am Himmel stehen, und Ernest war sich sicher, dass auch sie unserem Helden die Ehre erweisen wollte. Wer weiß?!
Aber die Sonne wäre an diesem Tag sowieso länger geblieben. Es war schließlich Sommersonnenwende – der längste Tag des Jahres.