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Geschichten im Otterbau

Der norwegische Winter war lang und ungemütlich. Da verkrümelten sich Eddy Erdmännchen und seine Otterfreunde lieber in den warmen Otterbau am Fjord. Es wurde gespielt, gechillt, oder man lauschte Großvater Olufs spannenden Geschichten.
Allerdings handelten die meistens vom kalten Norden.
„Opa, kennst du keine Geschichte, in der es warm ist?“ nörgelte eines der Otterkinder, und Großvater Oluf musste laut lachen. „Hahaha, da müsst ihr unseren Afrikaner fragen.“
„Au ja! Los Eddy, erzähl!“ Erwartungsvoll schauten die Otterkinder das Erdmännchen an.
„Mmh,“ nachdenklich kratzte sich Eddy am Kopf. „Ich kenne zwar keine so schönen Märchen wie Großvater, aber ich könnte euch erzählen, wie ich nach Europa kam.“
Alle waren begeistert. Sie kuschelten sich aneinander, und dann erzählte er seine Geschichte.

Wie alles begann

Eddys große Reise begann in seiner Heimat im Süden Afrikas, genauer gesagt, in der Kalahari. Das ist eine meistens trockene Graslandschaft. Dort gibt es Elefanten und Giraffen, Löwen und Leoparden, Zebras, Antilopen und: Erdmännchen.
Eddys Familie wohnte bereits seit vielen Generationen in der Gegend, und genauso lange buddelten sie dort auch schon ihre Erdlöcher. Vor denen standen sie dann oft stundenlang und hielten Ausschau.
Auch an diesem Tag hatten sich vier Erdmännchen aus der Familie vor dem Bau aufgestellt: Mama Banu, ihre Tochter Kara, ihr Sohn Steve und das jüngste ihrer drei Kinder:
„Eddy?!“
„Ja Mama?“
„Siehst du was?“
„Ääh,“ Eddy blickte umher. „Nö! – Du?“
„Nein, ich auch nicht. Wie ist es bei dir, Kara?“
„Alles klärchen!“, kam es von weiter hinten zurück.
„Ok…. Da!“ Mama Banu zeigte auf einen kleinen Busch in der Nähe. „Da hat sich was bewegt!“
„Das war der Wind.“
„Gut gesehen, Steve,“ lobte sie ihren Sohn.
So ging das den ganzen Tag.
„Mann, ist das langweilig. Immer nur rumstehen und in die Gegend starren.“
„Denk dran, Eddy: Nur wer das Ausschau halten richtig beherrscht lernt auch Insekten jagen,“ ermahnte ihn seine Mutter.
„Und was soll am Jagen so toll sein?“
„Das ist doch voll aufregend,“ rief Steve begeistert.
„Für dich oder für die Insekten?“, gab Eddy schnippisch zurück.
„Eddy, du Miesepeter,“ ermahnte ihn erneut Mama Banu.
Eddy fand den Ermännchen Alltag ziemlich eintönig. Und auch fürs Jagen konnte er sich nicht begeistern. Er wartete lieber, bis wieder einer der großen Heuschreckenschwärme über das Land zog. Dabei blieben manche der kleinen Tiere tot zurück. Die las Eddy dann auf. So hatte er zu essen, und die Heuschrecken mussten ihn nicht fürchten. Danach saß er meistens auf einem Baumstumpf, von wo aus er die Gegend gut im Blick hatte, und hing seinen Gedanken nach.
Doch an diesem Tag war es anders.
„Hallo Eddy.“
Eine Heuschrecke war neben ihm gelandet.
„Du kennst meinen Namen?“
„Alle kennen den. Du bist das Erdmännchen, das keinem Insekt ein Leid zufügt.“
„Aber ich esse doch Heuschrecken.“
„Und das ist auch gut so. So hat alles einen Sinn.“
Eddy staunte. Heuschrecken galten als etwas einfältig. Aber diese war irgendwie weise.
„Wo ist denn dein Schwarm?“, fragte Eddy.
„Ach weißt du, immer mit dem Schwarm fliegen finde ich ziemlich dumm. Ich folge lieber meinem eigenen Verstand.“
„Das kenne ich. Mein Verstand fragt mich zum Beispiel, ob es nicht noch mehr gibt als die Savanne!“
„Oh ja Eddy, da ist auch mehr – viel mehr.“
Dann erzählte die Heuschrecke von Wüsten und Seen, von Bergen, die Feuer spucken, Schnee bedeckten Gipfeln, von Urwäldern und vom Meer.
„Das hast du alles gesehen?“
„Mmh, und ob!“, die Heuschrecke war sichtlich stolz.
„Flügel müsste man haben.“
„Ach was, Eddy. Schau dir die Menschen an. Die haben auch keine Flügel. Aber sie sind erfinderisch.“
„Dann gehe ich zu denen.“
„Keine gute Idee. Menschen sind zwar schlau, aber nicht alle setzen ihren Verstand auch zum Guten ein.
Eddy seufzte.
„Keine Sorge, du findest schon deinen Weg,“ tröstete ihn das kleine Insekt. „Apropos: Ich sollte mich langsam auf den Weg machen. War wirklich nett, mit dir zu plaudern.“
Dann erhob sich die Heuschrecke in die Lüfte. „Leb wohohl!“
„Tschüss Heuschrecke! Gute Reise.“
Noch lange schaute Eddy der Heuschrecke sehnsüchtig hinterher und dachte über das Gespräch nach.
Dann fasste er einen Entschluss: „Ich werde auch die Welt entdecken“

Auf der Suche

Die Tage vergingen und Eddy begann die Tiere der Kalahari auszufragen – natürlich nur die ungefährlichen. Er hatte schließlich keine Idee, wohin seine Reise gehen sollte. Doch die Tiere interessierten sich nicht für die Welt, nur für Wasser und etwas zu fressen.
Eines Tages, Eddy stand gerade wieder mit seiner Familie vor dem Bau.
„Hey Leute, hört ihr das?“
Er hatte ein dröhnendes Geräusch vernommen, dass aus der Ferne zu ihnen drang.
„Da oben! – Schaut mal!“
Am Himmel zog ein riesiger weißer Vogel vorbei.
„Eddy, schau nach vorn!“, ermahnte ihn seine Mutter. „Das da oben interessiert uns nicht.“
„Uns vielleicht nicht,“ dachte Eddy. „Aber mich.“
Die Neugier hatte ihn gepackt, und er beschloss, dieses eigenartige Tier zu suchen. Gleich nach Feierabend machte er sich also auf den Weg – immer geradeaus durch die riesige Savanne, genau in die Richtung, in die der Vogel geflogen war.
Nach einiger Zeit gelangte er an einen Fluss.
„Ach du je!“ Nur einen Katzensprung entfernt erblickte Eddy einen ausgewachsenen Gepard, der ihn offensichtlich ins Visier genommen hatte. Geistesgegenwärtig rutschte er die Böschung hinab, sprang auf einen Ast, der am Flussufer lag, und stürzte auf ihm ins Wasser. Gerettet! Die wasserscheue Katze schaute ihm hinterher, während er von der Strömung davon getrieben wurde.
Die Nacht brach herein, und schließlich schlief er auf seinem rettenden Ast ein.
Als er morgens aufwachte, war die Sonne bereits aufgegangen, und er lag am Flussufer.
„Wo bin ich hier?“

Bei den Menschen

Vorsichtig kletterte er die Böschung hinauf und sah sich um. Nicht weit entfernt entdeckte er ein paar Holzhütten. Davor: Menschen. Sie standen einfach nur da, schauten umher und unterhielten sich.
„Die sind ja genau wie wir,“ dachte Eddy. „Vielleicht sind Menschen ja… große Erdmännchen.“
Der Gedanke machte ihm Mut. Er wartete also, bis alle in ihren Hütten verschwunden waren und schlich vorsichtig dorthin.
Doch was war das?! An den Hütten angekommen, bot sich ihm ein fürchterlicher Anblick: Elefantenstoßzähne, Leopardenfelle, Büffelhörner… Was waren das bloß für Menschen? Jetzt hieß es nur noch, weg von diesem Ort! Doch gerade als Eddy losrennen wollte…
„He Erdmännchen! Wohin so eilig?“
„Ich ääh, ich…“ Eddy bekam vor Schreck kein Wort heraus.
Ein merkwürdiges Tier hatte sich ihm in den Weg gestellt.
„Keine Angst,“ versuchte ihn das Tier zu beruhigen. „Ich tu dir nichts.“
„Ehrlich?“
„Ehrenwort.“
„Was bist du denn?“
„Ich bin ein Hund – ich heiße Charly.“
Eddy kannte nur die gefährlichen afrikanischen Wildhunde. Aber Charly sah mit seinem struppigen Fell und den Schlappohren ganz anders aus. Er wirkte eindeutig sympathischer.
„Also… Ich bin Eddy.“
„Freut mich, Eddy. – Du fragst dich sicher, was das hier ist?“
Der Hund hatte bemerkt, dass Eddy seinen Blick nicht von den Jagdtrophäen abwenden konnte.
„Das waren Menschen, oder?“, fragte Eddy.
„Oh ja! – Aber nicht meine.“
„Deine?“
Dann begann Charly zu erzählen. Er war mit Menschen aus dem fernen Europa hergekommen. Sie waren Ärzte und Wildhüter und halfen den Tieren, die durch Menschen verletzt worden waren. Und sie sammelten ein, was sie bei den Wilderern fanden.
„Komm mit, ich stelle dir meinen Menschen vor.“
„Nee, besser nicht.“
„Keine Angst. Mach alles so wie ich. Dann kann dir nichts passieren. “
Eddy war ziemlich unwohl. Aber er wollte ja Abenteuer erleben, und hier war seine Chance. Also folgte er Charly in eine der Hütten.
Dort hatten sich einige Menschen um einen Tisch versammelt. Der Hund ging mit einem Hecheln und wedelndem Schwanz auf einen der Menschen zu. Dieser blickte ihn lächelnd an und kraulte liebevoll seinen Nacken. Dann entdeckte er Eddy. Und Sekunden später hatte das Erdmännchen die volle Aufmerksamkeit aller Menschen im Raum. So richtig wohl war Eddy dabei nicht. Vorsichtig wandte er sich zum Ausgang. „Ääh, ich geh dann mal besser. Schönen Tag noch.“
„Hey Eddy, bleib hier,“ sagte Charly mit sanfter Stimme. „Die beißen nicht. Die wollen nur spielen.“
Der Mensch ging in die Hocke und schaute Eddy freundlich an. Dann begann er komische Laute von sich zu geben, holte etwas aus seiner Tasche und hielt es ihm hin.
„Charly, was mache ich denn jetzt?“
„Das ist ein Keks. Der ist echt lecker. Geh langsam auf ihn zu und schnapp dir das Stück.“
„Das ist alles?“
„Wenn du kannst, wedel mit dem Schwanz.“
„Das sieht doch total beknackt aus.“
„Tja, die Menschen stehen drauf.“
Es kostete ihn einige Überwindung, aber schließlich machte Eddy es genauso, wie Charly gesagt hatte. Er nahm den Keks und…
„Boah, ist das lecker.“
Eddy strahlte über das ganze Gesicht, und die Menschen freuten sich offensichtlich sehr darüber. Schnell war er die Attraktion des Tages. Er bekam Leckereien, die er noch nie zuvor gekostet hatte, und sie kraulten und streichelten ihn. Charly hatte recht: Eddy schloss die Menschen schnell ins Herz und die Menschen ihn. So vergingen die Tage. Eines Abends kam Charly aufgeregt zu Eddy gerannt.
„Eddy, komm schnell.“
„Was ist denn?“
Der Hund führte ihn in einen Raum, in dem viele Käfige standen. In jedem ein Tier.
„Was ist das hier?“, fragte Eddy skeptisch.
„Die haben wir alle gerettet,“ sagte Charly nicht ohne einen gewissen Stolz. „Sobald sie sich erholt haben, werden sie freigelassen.“
„Eddy? – Eddy!“ Eine vertraute Stimme ließ Eddy aufhorchen.
Mama Banu, Eddys Mutter, saß in einem der Käfige. Sie trug einen dicken Verband und sah mitleiderregend aus.
„Mama! – Was ist mit dir?“
„Keine Sorge. Mir geht es wieder gut. Aber wie geht es dir? Ich hab mir solche Sorgen gemacht.“
Sie hatte überall nach ihrem Sohn gesucht. Dabei war sie von einem Wildhund verletzt worden. Aber die Menschen hatten sie gerettet.
Da saß Eddy nun vor seiner Mutter und hatte ein fürchterlich schlechtes Gewissen.
„Es tut mir so leid, Mama, dass ich dir solche Sorgen bereite. Ich komme mit dir nachhause, wenn du willst.“
„Aber Eddy. Ich will, dass du glücklich bist.“
Sie schaute ihren Sohn liebevoll an.
“Ich weiß, dass du dir ein anderes Leben wünschst. Und das solltest du dir von keinem ausreden lassen. Du wirst deinen ganz eigenen Weg finden.“
Mutter Banu sollte recht behalten. Und die Gelegenheit kam schneller, als es Eddy erwartet hätte.

Abschied von Afrika

„Eddy, Eddy, du wolltest doch die Welt entdecken. Komm mit!“
Eddy folgte Charly zu den Menschen, die gerade dabei waren, ein Auto mit allerhand Kisten und Koffer zu beladen. Es sollte auf eine lange Reise gehen, und Eddy durfte mitkommen.
Jetzt hieß es also Abschied nehmen. Noch einmal umarmte er seine Mutter.
„Leb wohl mein Junge, ich bin so stolz auf dich.“
„Ich komme wieder, Mama – versprochen!“
Dann machte er sich auf zu seiner allerersten Autofahrt. Die Dinger waren laut und stanken fürchterlich, aber Eddy fühlte sich wie ein Gepard, der über die Savanne flitzte.
„Das ist suuuuper!“
Irgendwann wurde der Wagen langsamer. Die Staubwolke, die er aufgewirbelt hatte, verflog und gab den Blick auf eine große Ebene frei. Und da stand er plötzlich:
„Da! Der Vogel,“ Eddy traute seinen Augen nicht. „Der große weiße Vogel. Den hatte ich gesucht!“
Charly musste laut lachen: „Haha, das ist ein Flugzeug. Das trägt dich wohin du willst.“
„Ich will… überall hin!“
Dann gingen sie an Bord der Maschine. Die Motoren starteten, und mit lautem Dröhnen erhob sie sich in den Himmel. Eddy konnte nicht genug von der Aussicht bekommen:
Vor ihnen: blauer Horizont. Unter ihnen: riesige Gnuherden, Elefanten auf ihrer Wanderung, Vogelschwärme…
„Ist das schööön.“
Irgendwann landeten sie auf einem Flughafen und stiegen in ein größeres Flugzeug. Das trug sie geradewegs nach Norden, bis nach Europa, genauer gesagt: nach Deutschland. Hier sollte Eddys großes Abenteuer erst richtig beginnen. Aber das ist eine andere Geschichte.