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Abschied

Eddy Erdmännchen verbrachte noch ein paar schöne Tage zusammen mit Bruno, Marie, Bärenmama Ursula und den Mäusen hoch oben in den Pyrenäen. Doch die Zeit kam, um allen Lebewohl zu sagen – auch seinem besten Freund Bruno, der sich mit seiner Verlobten Marie in Ursulas Höhle schon richtig nett eingerichtet hatte. Das war ein wirklich schwerer Abschied für die beiden Freunde.
„Versprich mir zu schreiben, Eddy.“
„Na klar!“ „Weißt du denn die Adresse noch?“
„An der Fledermaushöhle 4, Hoch oben in den Pyrenäen,“ antwortete das Erdmännchen.
Eigentlich hätte es ‚An der Bärenhöhle 4‘ heißen müssen. Aber welcher Briefträger traut sich schon in eine Bärenhöhle?!
Die Mäusefamilie hatte Eddy noch ein Paket mit Proviant fertig gemacht. Und dann trat er mit schwerem Herzen die Weiterreise an.
Das Wetter war wunderschön, und es ging nur bergab. So hatte Eddy schnell ein ordentliches Stück des Weges geschafft. Es ging durch grüne Wälder, über saftige Wiesen, vorbei an Bächen und Flüssen. Und mit jedem Schritt wurde es ihm leichter ums Herz. Er war einfach viel zu neugierig auf sein nächstes Abenteuer.
Seine Reiseroute sollte ihn geradewegs zur Küste führen, genauer gesagt: ans Mittelmeer. Dort würde er dann nach einem Schiff Richtung Afrika Ausschau halten und den passenden Moment abwarten, um heimlich an Bord zu schleichen. So hatte er es von Onkel Enrico in Neapel gelernt.
Im Tal angekommen, gelangte Eddy auf eine alte Landstraße und hoffte, dass diese bereits direkt bis zum Meer führen würde. Aber um ganz sicher zu sein, nahm er seinen Kompass und die Karte aus dem Rucksack und setzte sich an den Straßenrand.

Der Zirkus

Wie er so da saß und die Karte studierte ertönte, wie aus dem Nichts, ein vertrauter Laut. „War das gerade ein Elefant? Hier in Frankreich?“ Eddy traute seinen Ohren nicht. „Nein, das kann nicht sein.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf und wandte sich erneut seiner Karte zu. Doch dann hörte er es wieder. Er blickte auf, schaute sich um, und jetzt entdeckte er auf der anderen Straßenseite etwas Buntes, das durch die Bäume schimmerte.
Neugierig schlich er dorthin.
Auf einer großen Wiese war ein riesiges, rundes Zelt aufgebaut. Es hatte rote Streifen an den Seiten und ein gelbes Dach. Daneben standen ein paar große Fahrzeuge und ein langer Anhänger auf den in fetten Buchstaben ‚Zirkus Serengeti‘ gedruckt war.

Das ‚Raubtier‘

Vorsichtig näherte sich Eddy dem Vehikel als plötzlich ein bedrohliches Knurren zu ihm drang. Er zuckte mit einem Aufschrei zusammen. Der Laut ließ ihm das Blut gefrieren. Den kannte er noch zu gut aus Afrika, und er bedeutete: Lebensgefahr – nichts wie weg! Doch gerade als er losrennen wollte, sprach eine tiefe Stimme zu ihm: „He, was bist du denn für einer?“
Eddy blieb wie gelähmt stehen, drehte sich langsam um und erkannte schon im Augenwinkel: einen ausgewachsenen Löwen.
„Tu mir nichts!“ rief er mit zitternder Stimme.
„Hä? Warum sollte ich dir was tun. Bin ich etwa ein Raubtier?“ kam es von dem Löwen zurück.
Das Tier sah mit seinen großen Pranken, der dichten Mähne und dem breiten Maul voller scharfer Zähne wirklich furchteinflößend aus. Aber es klang doch irgendwie ziemlich harmlos. Und so fasste Eddy wieder etwas Mut.
„Du bist doch ein Löwe. Und Löwen sind Raubtiere. Zumindest da, wo ich herkomme.“
„Und wo kommst du her?“
„Aus Afrika.“
„Ooh, echt jetzt? Krass! Ich war noch nie in Afrika. Wie ist es denn da so?“
„Also, wenn du mir nichts tust, dann erzähle ich dir alles, was ich weiß,“ schlug Eddy vor. „Okay. Deal!“ Der Löwe war einverstanden.
Nach und nach legte Eddy seine Angst ab. Und als er der großen Katze in die Augen schaute, wurde ihm klar: Vor diesem Tier musste er sich nicht fürchten.
„Ich heiße übrigens Eddy. Ich bin ein Erdmännchen. Und wie heißt du?“
„Ich äähhh…“
Der Löwe stockte.
„Na sag schon.“
„Ach nee, der Name ist doof.“
„Wenn du ihn mir nicht sagst, denke ich mir einen aus.“
„Na gut, aber nicht lachen.“
„Versprochen.“
“Ich… heiße Mauzi.“
Er hatte es zwar versprochen, aber als er diesen Namen hörte, fiel es Eddy wirklich schwer, sein Lachen zu unterdrücken: „Ich glaube, ich sollte mir trotzdem einen Namen ausdenken.“
„Ich hab es doch gesagt,“ grummelte der Löwe. „Den haben mir die Menschen gegeben als ich noch ganz klein war. Und süß!“
„Oh ja,“ antwortete Eddy, „typisch Menschen!“
“Erzählst du mir jetzt von deiner Heimat?“
„Na klar. Aaalso….“
Dann erzählte Eddy ausgiebig von Afrika, seiner Familie, seinem besten Freund Bruno und ihren gemeinsamen Abenteuern. Mauzi hörte ihm gebannt zu, und danach erzählte er seine Geschichte. Die war allerdings ziemlich kurz: Er war im Zoo geboren und irgendwann an den Zirkus verkauft worden. Dort führte er zusammen mit anderen Tieren Kunststücke für die Menschen auf.

Die Leiterin

„He Mauzi, ich habe dich schon gesucht!“
Ein Schwein war hinzu gekommen und warf erst einmal einen prüfenden Blick auf Eddy.
„Was ist das denn?“
„Das ist ein Erdmännchen – aus Afrika,“ sagte Mauzi.
„Boa, echt?“ Das Schwein war beeindruckt.
„Hallo, ich bin Eddy.“
„Hi, ich bin Jolanda. Aber alle nennen mich Jolly. Ich bin hier die Leiterin.“
„Was, du?“ Eddy verschlug es fast die Sprache. „Kein Mensch?“
„Wir schmeißen den Laden hier alleine,“ sagte Mauzi stolz.
“Was meinst du wohl, warum der hier frei herumlaufen darf?!“ frotzelte Jolly
und zwinkerte dabei dem Löwen mit einem verschmitzten Lächeln zu.
„Wie habt ihr denn das hingekriegt?“
Und dann begann das Schwein zu erzählen: „Wir haben so lange gestreikt, bis der Zirkusdirektor einen Handel mit uns geschlossen hat. Jetzt sind wir unser eigener Boss – vorausgesetzt der Laden läuft. Er und seine Leute fahren nur die Wagen und organisieren alles.“
„Was, so einfach war das?“ fragte Eddy beeindruckt.
„Naja, Mauzi musste einmal einen auf böser Löwe machen. Hihi, weißt du noch?“
Und dabei bekamen beide ein breites Grinsen im Gesicht.
„Oh ja,“ bestätigte der Löwe. „Jetzt haben wir sogar bezahlten Urlaub,“
„Und sind krankenversichert,“ ergänzte Jolly.
„Cool! Und läuft der Laden?“
,Naja, also ehrlich gesagt…“ Jolly wurde plötzlich ganz kleinlaut. „Ich fürchte, dass wir bald wieder nach der Pfeife des Direktors tanzen.“
„Komm doch heute Abend einfach in unsere Vorstellung,“ schlug Mauzi vor,
und Eddy sagte den beiden zu.
Der Abend kam. Er hatte sich vor der Aufführung einen Platz gesucht, von wo aus er, versteckt vor den Menschen, alles sehen konnte. Nach der Vorstellung:
„Na Eddy, wie fandst du es?“ Jolly war wirklich gespannt.
„Naja…“ Eddy zögerte.
,Sag ehrlich!“ bohrte Mauzi.
„….also, ein paar Ponys, die im Kreis laufen, ein Schwein, das einen Clown ärgert, ein Elefant, der Männchen macht… Ich weiß nicht. Habt ihr mal auf den Applaus gehört?“
„War da Applaus?“
„Na eben!“
Da saßen sie nun und ließen die Köpfe hängen. Und als Eddy sie so sah, bekam er Mitleid. „He Leute, so schlecht war es auch wieder nicht.“
“Ach was, unser Programm ist total überholt!“ jammerte Mauzi.
„Und stinklangweilig,“ fuhr Jolly fort. „Bald hat der Direktor wieder das Sagen.“
„Nix da! Wir brauchen nur einen Plan! Und ich glaube…“ Eddy musste kurz überlegen.
„…ich glaube, ich habe eine… Genau! Das ist es!“
“Was denn?“
„Los erzähl!“

Eddys geniale Idee

Sogleich unterbreitete Eddy seine Idee: „Wir haben einen Löwen, einen Elefanten, und… „ er richtete sich mit breiter Brust auf. „…und ein Erdmännchen. Und euer Zirkus heißt Serengeti. Also geben wir den Menschen doch Serengeti!“
“Super! tolle Idee!“ entfuhr es Mauzi. „Ääh… und wie?“
„Wir veranstalten eine Serengeti-Show: Der Löwe jagt das Zebra. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Doch dann, im letzten Augenblick, erscheint Erdy der Supererdmann und gebietet der Bestie Einhalt.“
“Ääh…und wer soll die Bestie sein?“ fragte Mauzi etwas verwirrt. „
„Wie es aussieht du!“ belehrte ihn Jolly. „Aber wer…,“ fuhr sie fort. „…wer ist denn Supererdmann?“
„Na wer wohl?!“ antwortete Eddy etwas beleidigt.
„Ich glaube, an der Story müssen wir noch arbeiten,“ sagte Jolly. „Aber die Idee mit der Show ist wirklich klasse.“ Auch Mauzi war begeistert. Die anderen Tiere waren schnell überzeugt, und sogar der Direktor machte mit.
Eddy wurde jetzt Regisseur. Das war allerdings kein leichter Job; denn es fehlte zum Beispiel an afrikanischen Tieren. Also musste improvisiert werden.
„Du Eddy, die Ponys wollen nur Längsstreifen tragen.“
„Nein Jolly, Zebras haben senkrechte Streifen.“
„Aber sie sagen, die machen dick.“
“Und unser Elefant will nicht trompeten.“ Auch Mauzi hatte so einige Schwierigkeiten.
„Dann sag ihm, er kann auch Schlagzeug spielen!“ Eddy war manchmal echt mit den Nerven am Ende.
Aber der Tag der Premiere kam, und alle waren total aufgeregt.
Endlich begann die Show. Die Zirkusarena wurde in helles Licht getaucht. Sie war jetzt zur Savanne umgebaut. Mittendrin standen die als Zebras bemalten Ponys. Dann nahm die Geschichte ihren Anfang. Und die ging so:

Die Serengeti-Show

Drei Zebras grasen friedlich in der weiten Savanne. Noch ahnen sie nicht, dass ihnen große Gefahr droht; denn Karim der Löwe hat sich lautlos an sie herangepirscht.
Plötzlich springt er aus dem hohen Gras und rennt auf die Zebras zu, die sogleich panisch die Flucht ergreifen. Doch dieser Tag ist ihr Glückstag: Ein Warzenschwein auf Futtersuche kreuzt ahnungslos ihren Weg. Für Karim den Löwen – den König der Savanne – ist das eine viel leichtere Beute. Und so lässt er die Zebras entkommen. Dafür scheint das Schicksal des ahnungslosen Schweins besiegelt. Die Raubkatze setzt zum tödlichen Sprung an. Doch, wie aus dem Nichts, fällt ein Schuss und eine Kugel zischt an Karims rechtem Ohr vorbei.
Jack, der von allen Tieren gefürchtete Großwildjäger, hatte sich mit seinem Jagdgewehr auf die Lauer gelegt und auf seine Gelegenheit gewartet. Gegen die Gerissenheit und den Einfallsreichtum der Menschen kann selbst der König der Tiere nichts ausrichten. Karim ist jetzt zwar gewarnt, doch früher oder später würde Jack ihn zur Strecke bringen.
Der hat aber seine Rechnung ohne Erdy gemacht. Erdy, das schlaue Erdmännchen hatte von seinem Erdbau aus alles beobachtet, sich herangeschlichen und ihm das Gewehr geklaut, nachdem dieser es beiseite gelegt hatte, um durch sein Fernglas zu schauen. Dann stößt Erdy aus sicherer Entfernung seinen Spezialruf aus. Dizzy der Elefant, sein treuester Freund, kennt diesen Ruf und eilt sogleich herbei. Gerade rechtzeitig um mit lautem Trompeten Jack den Jäger zu vertreiben, der ohne sein Gewehr völlig hilflos ist. Und so flieht er mit letzter Not, und ward nie mehr gesehen.
Karim der Löwe kommt zu Erdy und Dizzy, verbeugt sich vor ihnen und bedankt sich dafür, dass sie sein Leben gerettet haben. Dann macht er ein Versprechen, das das Leben in der Serengeti verändern wird: Nie wieder würde er ein Tier jagen. Mehr noch: Er wolle sie alle schützen, so wie es eines wahren Königs der Tiere würdig ist.
Die Nachricht von den Geschehnissen verbreitet sich schnell in der weiten Grasebene, und alle folgen dem Beispiel des Löwen. Seit diesem Tag ist Frieden in der Savanne, und alle Tiere leben in Harmonie und Eintracht.

Applaus!

Die Show lief perfekt – bis zur letzten Minute. Dann verdunkelte sich die Arena, das Rampenlicht ging an, und der Zirkusdirektor, der den Jäger Jack gespielt hatte, trat hervor, um den verdienten Applaus entgegen zu nehmen. Gefolgt von Eddy, dem Löwen Mauzi, Elefant Dizzy, den Ponys, Schwein Jolly und all den anderen. Der Direktor gab ein Zeichen, und alle verneigten sich.
Aber niemand klatschte. Es herrschte betretene Stille.
„Vielleicht hätten wir den Jäger gewinnen lassen sollen.“ flüsterte Mauzi.
“Spinnst du?!“ Jolly war entsetzt.
Die Zuschauer waren aufgestanden und standen fast regungslos da, manche mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen. Sie waren so gebannt, dass sie scheinbar keinen Laut hervor bringen konnten. Bis plötzlich ein kleines Mädchen seinem Staunen Luft machte, indem es ein lautes und langes „Booaahh“ hervorbrachte. Dann hielt es keinen mehr: Unbändiger Applaus brandete auf. Die Menschen schrien vor Begeisterung, Freudenrufe und Zugabeforderungen ertönten.
„So klingt das also, wenn alle klatschen,“ rief Mauzi begeistert aus.
„Ich glaube, wir waren echt gut.“ Auch Eddy war zufrieden.
Und während sie dort vor den klatschenden Menschen standen und den Applaus genossen, warf Eddy einen verstohlenen Blick zum Zirkusdirektor herüber. Der strahlte über das ganze Gesicht. Dann drehte er sich lächelnd zu den Tierkollegen und zeigte ihnen seinen erhobenen Daumen.
„Hey Leute, schaut mal der Direktor. Den haben wir auf jeden Fall schon mal überzeugt.“
“Super,“ rief Mauzi. „Das gibt bestimmt eine Gehaltserhöhung!“
„Au ja. Dann will ich ein Warzenschweinkostüm, das nicht kratzt.“
Welch ein Erfolg. Eddy hatte zusammen mit Jolly, Mauzi und all den anderen den Zirkus gerettet. Und so gab es noch am gleichen Abend ein tolles Freudenfest in der Arena.
Für einen Moment vergaß Eddy sogar, dass er eigentlich nach Afrika wollte. Aber jetzt war Afrika ja zu ihm gekommen.