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Eddy der Skiläufer 

Die Tage wurden kürzer und der Winter kam viel schneller, als es Eddy Erdmännchen erwartet hatte. Aber schließlich war er ja auch in Norwegen. Zur Freude von Ottermädchen Elin und ihrer Familie beschloss er also, die kalte Jahreszeit bei ihnen zu verbringen. Woraufhin ihm Elins Eltern gleich das Gästezimmer in ihrer Otterhöhle herrichteten. Derweil beschäftigten sich Eddy und Elin mit dem alten Boot, das am Strand des Fjords lag.
„Du willst doch wohl nicht bei der Kälte aufs Meer hinaus?“, fragte Elin besorgt.

Keine Sorge, ich habe was viel Besseres. Pass mal auf! Tätäää!“
Und dann präsentierte Eddy zwei Skier, die er aus losen Planken des Bootes gebastelt hatte. Eingepackt in seine dicken Wintersachen ging es gleich hinaus auf einen nahe gelegenen Berg. Und ab ging die Post. Juchzend vor Freude schoss er den Abhang hinunter, so wie damals mit seinem Murmeltier Freund Fred in den Alpen.
War das ein Spaß! Wenn da nicht diese Nebelwolke gewesen wäre. Und in die sauste er geradewegs hinein. Es kam, wie es kommen musste. Eddy verlor die Sicht und schon nach wenigen Augenblicken fand seine Fahrt ein jähes Ende.  

Eine seltsame Begegnung 

Ganz offensichtlich war er in ein großes Tier gerauscht, das darauf hin ein leicht erschrockenes ‚Aua‘ von sich gab.
„Oh, Entschuldigung!“ Eddy lächelte schüchtern. „Ich konnte dich nicht sehen.“
Das Tier schüttelte sich den Schnee aus seinem grauen Fell und hob den Kopf, auf dem es ein stattliches Geweih trug. Es drehte sich zu Eddy und schaute ihn lächelnd an. „Ach, macht nichts, du bist ja zum Glück nur ein kleines Erdmännchen.“
Du weißt, dass ich ein Erdmännchen bin?“
Ich weiß so allerhand, Eddy.“
„Meinen Namen kennt die auch,“ dachte Eddy, und wäre vermutlich ziemlich misstrauisch geworden, wenn das Tier nicht ein so freundliches Wesen gehabt hätte.

Und was bist du?“, fragte er neugierig.
Ich bin ein Rentier. Frida ist mein Name.“
Was machst du denn hier?“
Frida lachte. „Da fragt ein Erdmännchen ein Rentier, was es in Norwegen macht…“
Eddy kicherte verlegen: „Ääh, stimmt eigentlich.“
Also im Ernst,“ fuhr Frida fort. „Ich bin auf dem Weg zur großen Zusammenkunft der Tiere des Nordens. Alle kommen in Frieden und begehen die Wintersonnenwende.“
„Wintersonnenwende?“
Die längste Nacht des Jahres.“
Wo trefft ihr euch denn?“
Das kann ich dir nicht sagen.“ Das Rentier schüttelte den Kopf. „Es ist ein geheimer Ort weit oben im Norden. Man kennt ihn halt oder eben nicht. Da helfen nicht mal deine Karte und dein Kompass.“
Woher Frida wusste, dass er eine Karte und einen Kompass besaß, war Eddy ein Rätsel. Aber nicht das einzige. Seine Neugier war geweckt. Und plötzlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als das Ren zu diesem geheimnisvollen Ort zu begleiten.
Du bist wirklich ein neugieriges kleines Erdmännchen.“ Frida schaute Eddy mit einem verständnisvollen Lächeln an. „Ich frage mich, ob ich dich nicht wirklich mitnehme.“
Ääh, daran habe ich gerade gedacht,“ entfuhr es Eddy.
„Ich weiß. Dein Blick hat es mir verraten. Aber das geht nicht. Schließlich bist du kein Geschöpf des Nordens.“
„Okay.“ Eddy senkte den Kopf „Ich habe verstanden.“
„Andererseits,“ Frida überlegte kurz. „Mein Chef mag dich sehr.“
„Dein Chef?“, fragte Eddy erstaunt. Aber die Antwort kannte er ja schon: „Ach ja… Ist sicher auch geheim.“
Frida lächelte zustimmend.
Also Eddy: Wenn du wirklich mitkommst, wirst du noch so manches Geheimnis erleben.“
Heißt das, du nimmst mich mit?“
Aber ich muss dich warnen,“ Frida setzte eine ernste Miene auf. „Der Weg ist lang, und es wird sehr, sehr kalt. Außerdem wird es fast immer Nacht sein.“
Eddy richtete sich auf und schaute Frida tief in die Augen. „Sehe ich aus wie jemand, der vor einer Schneeflocke Reißaus nimmt?“
Natürlich nicht. – Eddy Schneemännchen,“ lachte Frida.

Der lange Weg nach Norden 

„Lauf nicht weg!“ Eddy flitzte sogleich los, um seine Siebensachen zu packen und den Ottern Bescheid zu geben. Aber er traf nur Opa Oluf. Der nickte verständnisvoll, als wüsste er bereits, was Eddy erwarten würde. „Das ist großartig, Eddy – eine große Ehre. Wenn du zurückgekehrt bist, musst du mir alles über die Wunder des Nordens erzählen.“
„Klar Großvater, mache ich. Tschüss und grüß alle!“
Dann ging es im Sauseschritt zu Frida, die ihm gleich anbot, auf ihren Rücken zu steigen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und machte es sich im dichtem Fell des Rentiers bequem.
„Also Eddy, siehst du den Polarstern, dort vor uns? Auf den gehen wir zu. Ich schaue hier unten nach was Fressbarem. Und du sagst den Weg an, okay?“
„Okay!“
Dann ging es los, geradewegs Richtung Norden.
„An der nächsten Ausfahrt biegen Sie rechts ab,“ sagte Eddy mit verstellter Stimme.
„Was sagtest du?“
„Kleiner Scherz – habe ich mal bei den Menschen gehört.“
„Ach, die Menschen…“ seufzte das Rentier.
Gemächlich aber zielstrebig trabte Frida mit Eddy auf ihrem Rücken voran. Der unterhielt sie dabei mit Erzählungen von seinen Abenteuern. So ging es über Berge und Felder und durch scheinbar unendliche, verschneite Wälder. Die Bäume boten Schutz vor dem rauhen Wind, und Frida fand überall etwas Essbares.
Nach und nach gesellten sich auch andere Rentiere zu den beiden. Dann tauchte eine Gruppe Hasen auf, ein paar Füchse, ein Dachs mit seiner Familie, ein Elchpaar und ein alter Bekannter: der Vielfraß.
„He, dich kenne ich doch,“ entfuhr es Eddy gleich. Der Vielfraß lächelte Eddy schuldbewusst an und wich verlegen seinen Blicken aus. Doch es war unübersehbar, dass alle Tiere friedlich miteinander umgingen. Für eine kurze Zeit schien tatsächlich alle Feindschaft begraben. Alle?
„Da! Da war was!“ Eddy war es als erstem aufgefallen. Dann sah die Reisegruppe im fahlen Tageslicht unheimliche Schatten vorbeihuschen – Wölfe.
Ihr unheimliches Heulen fuhr allen durch Mark und Bein. Fast allen:
„Fenrir! Macht doch nicht so ein Theater!“, rief Frida.
„Mit wem redest du da?“, fragte Eddy.
„Mit mir!“
Eddy zuckte zusammen, als er die rauhe Stimme hinter sich hörte. Wie aus dem Nichts war ein großer, grauer, grimmiger Wolf aufgetaucht, gefolgt von vier weiteren, nicht weniger grimmigen Artgenossen. Er erblickte Eddy auf Fridas Rücken und schaute sie grinsend an. „Tach Frida, du hast da was in deinem Fell.“
„Das ist ein Erdmännchen.“
Eddy spürte, dass selbst Frida etwas unwohl war und versuchte es einfach mal mit Freundlichkeit.
„Hallo, ich heiße Eddy.“
Der Wolf lachte lauthals los. Dann wandte er sich zu einem der Wölfe in seinem Rudel. „Hey Ed! Da benutzt jemand deinen Namen!“
Schallendes Gelächter brach unter den Wölfen aus, und Eddy schaute sie beleidigt an.
„Na zum Glück heiße ich nicht Wolfgang,“ konterte er. „Dann hättet ihr alle meinen Namen.“
Jetzt brach schallendes Gelächter unter den anderen Tieren aus, und die Mienen der Wölfe verfinsterten sich. Einen Augenblick herrschte betretene Stille.
„Wolf – gang? Fenrir dachte kurz nach. Dann lachte er laut los. Hahaha! Wolf-Gääng! Hey Jungs!“ Er drehte sich zum Rudel. „Sind wir eine Gang?“
„Klar,“ kam es aus dem Rudel zurück. „Die coolste Wolf-Gang im Norden,“
Laut lachend hob Fenrir eine Vorderpfote: „Hey Eddy, schlag ein!“
„Hey Fenrir alter Gangster!“, antwortete Eddy mit einem schüchternen Lächeln.
Die Situation entspannte sich. Und gleich entbrannte erleichtertes Geplapper und Gekicher. Endlich ging es weiter, jetzt sogar mit einer Wolfseskorte.
Die Tage vergingen. Und mit jedem Tag wurde es kälter und dunkler. Das spärliche Licht, wurde vom Schnee zurückgeworfen. So ließ sich zumindest etwas erkennen.
Die Landschaft wurde karger, bis es schließlich nicht einmal mehr einen Baum gab; nur noch kahles Hügelland, über das ein erbarmungsloser Wind pfiff. Doch so beschwerlich der Weg für alle auch war, es herrschte Harmonie zwischen den Tieren: Hasen und Füchse spendeten sich gegenseitig Wärme. Die Rentiere teilten das wenige Gras, das sie noch fanden. Die Wölfe passten auf, dass niemand verloren ging, und der Vielfraß unterhielt die Dachskinder mit Gutenachtgeschichten, was keine leichte Aufgabe war. Schließlich war ja ständig Nacht.

 

Die wundersame Nacht

Endlich, eines Nachts: „Freunde, wir sind gleich da!“ Fridas sanfte Stimme durchbrach die Stille. Eddy platzte vor Neugier: „Ich bin ja so gespannt.“
Vor ihnen tat sich eine weite, verschneite Ebene auf, aus der einzelne Felsen aufragten. Dahinter: das Meer. Sanft rauschend glitzerte es im Mondlicht. Viele Tiere waren bereits eingetroffen und hatten sich auf der Ebene versammelt. Und immer weitere trafen ein: Kleine und große, Jäger und Beutetiere. Selbst Meeresbewohner hatten sich eingefunden und zogen vor der Küste ihre Bahnen.
„So ihr Lieben.“ Frida wandte sich den Tieren zu. „Es ist Zeit.“
„Zeit wofür?“, fragte Eddy.
„Hier beginnt meine eigentliche Aufgabe, Eddy. Es war wirklich schön mit dir gereist zu sein.“ Dann sprach sie allen noch ein letztes Lebewohl aus.
„Sehe ich dich denn jetzt nie wieder?“, rief ihr Eddy hinterher.
„Aber natürlich. Du musst nur deine Augen aufhalten.“
Gemächlich trabte Frida davon. Noch lange schaute ihr Eddy hinterher. Bis schließlich der Mond verschwand und alles in völliger Dunkelheit versunken war. Und mit der Dunkelheit kam die Stille. Kein Lüftchen wehte mehr, kein Tier gab noch einen Laut von sich, selbst das Meeresrauschen schien verstummt zu sein.
Und plötzlich: Ein Raunen ging durch die Versammlung.
Der Himmel begann in einem schwachen grünen Licht zu leuchten.
Dann flackerten gelbe, blaue, rote Lichtschwaden auf. Immer neue Farben erhellten den Horizont, bis ein einziges Meer aus bunten Lichtschleiern den Himmel erfüllte. Manche sanken sanft auf die Erde nieder, andere schienen wie Geister durch die Luft zu
tanzen.
Polarlichter.
Eddy hatte schon viel darüber gehört, doch nie hätte er erwartet, dass sie so schön sein würden. Ergriffen, fast ehrfürchtig, blickten die Tiere zum Himmel auf. Dann plötzlich gab es inmitten des Lichtermeers ein helles Funkeln und ein goldweißer Strahl erhob sich langsam gen Himmel.
Jetzt erkannte Eddy, dass der Lichtstrahl ein hell erleuchteter Schlitten war, auf dem ein alter Mann zu sitzen schien. Der prächtige Schlitten, wurde von sechs Rentieren gezogen. Und eins davon war: „Frida!“ Erstaunt und ergriffen zeigte Eddy auf den Horizont. „Hey Leute schaut mal! Da ist Frida!“, plötzlich hatte er verstanden. „Das ist also dein Geheimnis,“ murmelte er zu sich.
Der Schlitten stieg höher und höher, um schließlich für eine kurze Weile, wie ein Stern mit einem langen Schweif, am Himmel stehen zu bleiben. Dann wurde es wieder dunkel. Schneeflocken begannen herabzufallen und es war Eddy als könnte er jede einzelne Flocke hören. Er schloss die Augen um dem Klang zu lauschen. So verharrte er.
„Eddy, los steh auf du Schlafmütze.“

Frohe Weihnachten!

Eddy riss die Augen auf. „Was, was ist los? Wo bin ich?“
Er schaute sich um. Er lag auf seinem Bett in seinem Gästezimmer in der Otterhöhle, gemütlich eingekuschelt und den Kopf auf seinen Rucksack gebettet.
Neben seinem Bett stand Elin und sah ihn mit ungeduldigen Augen an. „Komm Eddy, wir warten alle auf dich.“
„Ääh, ja, geh schon mal. Ich komme gleich. “Enttäuscht schaute er umher. „Alles nur ein Traum.“
Er griff in seinen Rucksack um seinen Pullover herauszunehmen. Doch was war das? Der Rucksack war prall gefüllt. Mit den leckersten Leckereien: Schokolade, Nüsse, Marzipan und: ein Päckchen. Er öffnete es hastig und fand eine kleine Taschenlampe. Daneben lag eine Karte, auf der geschrieben stand: ‚Du kannst nicht immer dem Polarstern folgen. Darum hast du hier ein Licht, das dich auf all deinen Reisen begleiten soll.‘
Eddy brauchte eine ganze Weile, seine Fassung zurück zu erlangen. Dann stand er beseelt auf und ging zu den Ottern ins Wohnzimmer, wo er bereits von der versammelten Otterfamilie erwartet wurde.
„Frohe Weihnachten, Eddy.“
„Frohe Weihnachten euch allen!“
Wie benommen von all den Eindrücken stand er im Raum und wusste nicht was er denken sollte. Dann fiel sein Blick auf Großvater Oluf. Der schien seine Gedanken zu lesen und nickte ihm mit einem verständnisvollen Blick zu, als wollte er sagen: ‚Wunder geschehen einfach. Du musst nur daran glauben.‘