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Großvaters Geschichte 

Eddy Erdmännchen hatte Ottermädchen Elin wohlbehalten zu ihrer Familie zurückgebracht und war so zum Helden in der Ottersiedlung geworden. Er blieb noch eine Weile an dem Fjord in Norwegen. Es gab viel zu entdecken und die Otter brachten ihm sogar das Schwimmen bei. Eigentlich haben Erdmännchen dafür nicht mehr Talent, als Otter fürs Erdlöcher buddeln, aber für Eddy reichte es, um mit Elin und ihren Freunden im Wasser zu toben.
Manchmal saß er aber auch einfach nur am Fjord und genoss die Aussicht.
„Na Eddy, träumst du wieder?“
Elins Großvater, ein weiser alter Otter mit grauem Fell und langem Schnurrbart hatte sich zu ihm gesellt.
„Hallo Großvater Oluf,“ begrüßte ihn Eddy.
„Dich zieht es da raus, stimmt’s?“, fragte der alte Otter und deutete auf das Meer, in das der Fjord mündete.
„Naja, irgendwie bin ich schon neugierig, was da draußen auf mich wartet,“ gestand Eddy.
„Ach, da draußen lauern nur Gefahren,“ raunte Opa Oluf.
„Du meinst Haie?“, Eddy glaubte zu wissen, was Elins Großvater meinte.
„Ach Haie,“ winkte dieser ab.
„Was denn sonst?“
„Seedrachen.“
„Seedrachen?“
„Oh ja Eddy,“ Opa Oluf wurde sehr ernst. „Deshalb bleiben wir Otter auch lieber in der Nähe der Küste. Glaub mir: Vor denen fürchten sich selbst Haie.“
„Sind das denn echte Drachen?“, fragte Eddy.
Opa Oluf schaute Eddy mit großen Augen an: „Die speien sogar Feuer. Manchmal kann man die Rauchwolken bis hierhin sehen.“
Er war ein wirklich guter Erzähler. Er kannte Geschichten über Bergtrolle und Elfen, über Kobolde und andere geheimnisvolle Wesen. Aber Eddy war nicht sicher was an den alten Erzählungen wirklich dran war.

Die Entführung 

Eines Tages fand er abseits des Otterstrandes ein altes Boot. Zuerst ärgerte er sich, dass die Menschen überall ihren Krempel herumliegen lassen. Aber in dem Boot fand er auch einen Rettungsring und eine Plastiktüte, aus denen er sich schnell eine Schwimmunterlage gebaut hatte. Darauf paddelte er in den Fjord hinaus um sich dort von den leichten Wellen schaukeln zu lassen.
„Huch! Was war das?“ Eddy schreckte auf:
Es hatte einen Ruck gemacht. Eddy blickte umher. Doch da war nichts. Dann begann sein Gefährt, wie von Geisterhand bewegt, geradewegs aufs offene Meer zu zu driften. Seine Otterfreunde versuchten ihm noch etwas zuzurufen.
„Was? Ich kann euch nicht verstehen!“, rief Eddy zurück. „Piraten? – Haben die Piraten gerufen?“, grummelte er zu sich.
Eddy wurde schneller und schneller, bis er schließlich flink wie ein Delfin über das Wasser glitt. Schließlich waren auch seine Freunde, die immer noch aufgeregt winkten, hinter einem Felsvorsprung verschwunden.
Offensichtlich zog ihn jemand an der Leine, die von dem Ring herabhing, aufs Meer hinaus. Endlich – die Küste war schon außer Sicht – verlangsamte sich die Fahrt.
Da saß er nun, seinen Rucksack fest umklammert, und starrte ängstlich auf die Wasseroberfläche. Jetzt erst fielen ihm zwei Schatten auf, die sich darunter bewegten. Und einer tauchte nun genau auf ihn zu, bis schließlich ein Kopf zum Vorschein kam, der ein wenig dem eines Hundes glich – allerdings mit einem stattlichen Schnauzbart. Eindeutig: ein Seehund.

Die Piraten

„Ergib dich, Otter. Wir haben dich gefangen!“, rief dieser ihm in einem militärischen Ton zu.
„Ich bin aber kein Otter,“ entgegnete Eddy.
Ein weiterer Seehund tauchte auf und sah Eddy mit einem freundlichen Blick an.
„Ich bin ein Erdmännchen.„Ach, und was bist du dann?“, fragte er interessiert.
„Ich bin ein Erdmännchen.“
„Ein Erdmännchen? Auf dem Meer? Da bist du ja wohl eher ein Seemännchen,“ raunzte ihn der erste Otter an.
„Ich hab’s dir ja gesagt, der sieht überhaupt nicht aus wie ein Otter,“ warf der zweite Otter seinem Artgenossen vor.
„Jaja, du bist ja auch sooo schlau,“ bluffte dieser zurück.
„Und wer kauft uns den jetzt ab?“
„Ihr seid Kidnapper?“ fiel Eddy den beiden entrüstet ins Wort.
„Wir sind Seeräuber!“
„Freibeuter!“
„Sag ich doch.“
„Nein, du sagtest Seeräuber.“
„Freiräuber, Seebeuter… ist doch egal…“
„Ist es ni…“
„Wie wär es denn mit…: Piraten?“, unterbrach Eddy die diskutierenden Seehunde erneut.
„Piraten. Super Idee.“ Otter Zwei lächelte Eddy an. „Danke!“
„Hallo! Ein echter Freibeuter bedankt sich nicht,“ wies ihn der erste Otter zurecht.
Dann entbrannte wieder eine handfeste Diskussion zwischen den beiden Seehunden.
Eddy lauschte den beiden drolligen Kerlen, und schnell verflog seine Angst. Vor diesen beiden musste er sich wahrlich nicht fürchten. Da hatte er es schon mit furchteinflößenderen Gestalten zu tun gehabt.
„Tschuldigung,“ unterbrach Eddy die streitenden Gesellen. „Was habt ihr denn jetzt vor?“
„Wir bringen dich zum Hautquartier. Und dann verlangen wir eine Menge Fisch für dich. Als Lösegeld,“ sagte der Seehund mit dem militärischen Ton.
„Also eigentlich Lösefisch!“, warf der nette Seehund ein.
„Wie wär’s denn mal mit selber fischen?“, fragte Eddy vorwurfsvoll.
„Hast du hier vielleicht Fisch gesehen?!“, kam es streng zurück.
„Äh, neee?“
„Siehst du? Der ist nämlich futsch.“
„Futsch, der flutschige Fisch!“, scherzte der zweite Otter.
„Das waren die Seedrachen.“
„Seedrachen?“, Eddy musste gleich an die Warnungen von Großvater Oluf denken.
„Oh ja. Fette fischfressende Fieslinge.“
Es stellte sich heraus, dass sich viele Meeresbewohner ernste Sorgen über das Verschwinden der Fische machten. Vermutlich waren die zwei so zu Piraten geworden. Sie nannten sich übrigens Smollett und Flint. Aber das waren wohl eher ihre: ‚Künstlernamen‘. Während sie Eddy zu ihrem Hauptquartier schoben, erzählten sie ihm von ihren ‚Beutezügen‘ (leicht augenzwinkernd) und gaben sich dabei alle Mühe, wie verwegene Gesetzlose zu wirken.
„Ist das da euer Piratennest?“
In der Ferne war eine kleine Insel aufgetaucht.
„Das ist Robbenburg,“ sagte Smollett nicht ohne Stolz. „Gleich lernst du unseren Boss kennen.“

Die Seedrachen

Langsam näherten sie sich dem Eiland, als sie plötzlich ein dumpfes Brummen vernahmen. Dann begann sich ein übler Geruch auszubreiten.
„Seedrachen!“ riefen die beiden Gesellen erschrocken und schossen wie vom Blitz getroffen davon.
„He wartet! Was ist mit mir?“
Da saß Eddy nun allein auf seinem Rettungsring mitten im Meer. Und ihm wurde ganz mulmig. Dann tauchte am Horizont eine riesige Rauchwolke auf.
„Wenn es so qualmt und stinkt, und wenn es so einen Lärm macht…“ Eddy überlegte: „Dann können es ja wohl nur Menschen sein.“
Er hatte recht. Das Seeungeheuer, vor dem sich alle so fürchteten, war in Wahrheit:
ein gigantischer Fischtrawler. Er schob eine riesige Bugwelle vor sich her und darin flüchtende Fische, Delphine und Robben. Eddy erkannte Menschen an Bord. Sie waren beschäftigt damit Netze – riesige Netze – ins Wasser zu lassen. So ein Schiff hatte er schon mal im Hafen von Neapel gesehen, und langsam wurde ihm klar:
„Natürlich. Die fischen hier alles leer!“
Der Fischtrawler zog in der Ferne vorbei, ohne Eddy zu bemerken.
Als seine Entführer schließlich zurückkamen, fanden sie ihn entspannt auf seinem Ring sitzend. Er wusste jetzt, dass es für all das eine Erklärung gab. Aber er schwieg erst einmal und schaute die beiden Piraten mit einem leicht überheblichen Blick an.
„Was ist? Glaubst du, wir möchten von einem Seedrachen verschlungen werden?“, fragte Smollett barsch. Ein bisschen peinlich war den beiden ihre Flucht schon.
„Ihr wollt Piraten sein? – Ich kenne sogar eine Fledermaus, die mutiger ist als ihr.“ Und dabei dachte Eddy an seinen alten Freund Bruno.
„Was ist denn eine Fledermaus?“, fragte Flint.
„Ach vergiss es,“ winkte Eddy ab.
Nach kurzer Zeit hatten sie die Pirateninsel erreicht. Ein wahrhaft ungemütlicher Ort. Nichts als karger Fels und dazwischen überall Treibgut, das Menschen verloren oder weggeworfen hatten. An einer seichten Stelle robbten sie an Land. Dort wurden sie von ihrem Boss, der ‚Admiralin‘ – einer alten Walrossdame – empfangen.
„Was ist denn das für ein komischer Otter?“
„Er behauptet, er wäre ein…ääh…Erdmännchen,“ klärte sie Smollett auf.
„Erdmännchen… . Schau an… . Ich habe gehört, da gibt es einen berühmten Zirkus. Die suchen ein neues Erdmännchen… mmh…“ Die Admiralin überlegte.
„Irgendwelche Befehle, Boss?“
„Ääh, ich überlege mir was. Habt ein Auge auf ihn. Und du, ääh Erdmännchen,“ wandte sie sich Eddy zu. „Fühl dich wie zuhause.“

Wie Eddy zum Piraten wurde 

Und dann bedeutete sie den Dreien mit einer Flossenbewegung sich zurückzuziehen.
Wie man sich als Afrikaner auf einem einsamen Fels mitten in der kalten Nordsee zuhause fühlen sollte, war Eddy ein Rätsel. Aber er versuchte das Beste daraus zu machen und sah sich erst einmal zwischen dem ganzen Krempel um, den die Wellen so angespült hatten: ausgefranste Schiffsleinen, jede Menge Plastik, Konservendosen, ein Küchenmesser…
„Aua!“
Das Messer war sogar noch scharf. Und als Eddy die kleine Schnittwunde an seiner Hand betrachtete, kam ihm eine Idee. Sogleich schlich er sich zu Smollett und Flint.
„Sagt mal, wie wäre es, wenn wir den Seedrachen den Fisch wieder abjagen?“
„Wie soll das denn gehen?“, fragte Smollett skeptisch.
„Ich hätte da eine Idee.“ eddy schaute die beiden Seehunde eindringlich an. „Dafür bräuchten wir allerdings ein paar ziemlich mutige Piraten!“
„Mmh, kennst du denn welche?“,
„Blödmann!“ Smollett klatschte Flint mit der Flosse in den Nacken. „Der meint uns!“
„Also. Hört zu,“ fuhr Eddy fort
Dann unterbreitete Eddy seinen, zugegeben: ziemlich waghalsigen, Plan.
„Und? Was meint ihr?“
Zögerlich willigten die beiden Seehunde ein. Sogleich begannen die Vorbereitungen. Dann hieß es: Warten auf den ‚Seedrachen‘. Eines Nachts war es soweit. Mit dumpfem Brummen kündigte sich das Ungeheuer an. Die drei schnappten sich die Schiffsleinen und das Küchenmesser und schlichen von der Insel.
„Und wenn der Drachen das Feuer eröffnet?“, wandte Smollett ein.
„Oder uns fressen will,“ ergänzte Flint.
„Bleibt cool Jungs, vertraut mir.“
Die Seehunde schoben Eddy auf seinem Rettungsring genau zu der Stelle, wo sie zuletzt das Monster gesichtet hatten. Dann warteten sie. Und tatsächlich: Der Fischtrawler kam auf der gleichen Route vorbei, wie einige Tage zuvor und zog ein riesiges, prall gefülltes Netz. Die drei bewegten sich unbemerkt auf das Schiff zu.
Jetzt erkannten auch die beiden Seehunde, dass sie an ein Märchen geglaubt hatten.
„Schaut mal,“ frotzelte Eddy. „Von so einer Blechbüchse habt ihr euch euren Fisch abjagen lassen!“
„Naja, aber eine ziemlich gefährliche Blechbüchse.“
„Habt ihr mal Algen probiert? Die sollen auch ganz lecker sein.“
„Wollt ihr etwa kneifen?“
Smollett und Flint drucksten herum und suchten verlegen nach Ausreden.
„Scheinbar gibt es hier nur einen echten Piraten. Adios Amigos.“
Beherzt sprang Eddy ins Meer und schwamm allein zum Schiff herüber. Das konnten die Seehunde natürlich nicht auf sich sitzen lassen.
„Warte Eddy, wir kommen!“, hörte Eddy Smollett und Flint noch rufen und sah wie sie mitsamt der Schiffsleinen abtauchten und sich Richtung Schiffsheck bewegten schnurstracks auf den Antrieb zu. Alles lief nach Plan: Schnell verfingen sich die Leinen in der Schiffsschraube. Es folgte ein lautes Poltern, und der Schiffsmotor kam knirschend und krachend zum Stillstand. Die Schiffsbesatzung rannte wie ein Haufen aufgeschreckter Hühner über’s Deck. Derweil kletterte Eddy unbemerkt über die Außenleiter an Bord, holte sein Küchenmesser hervor und kappte die Leinen, die das Netz hielten. Es gab einen gewaltigen Ruck, das Netz löste sich und schnellte zischend zurück ins Meer. Tausende und Abertausende Fische strömten heraus – so viele, dass die Wasseroberfläche, wie in einem Kochtopf, zu brodeln schien. Delfine, die sich verfangen hatten, schossen nach oben und schnappten nach Luft. Schwertfische stiegen empor um über den Wellen zu tanzen. Welch ein Schauspiel!
Das Treiben war über viele Meilen zu hören. Und so strömten alle herbei: Robben und Thunfische, Tümmler und Wale, Haie und: sogar die alte Walrossdame. Alle Fische waren dem sicheren Tod entgangen. Nun ja, fast alle. Denn einige endeten auch im Magen so manches hungrigen Meeresbewohners.

Zahlreiche Meerestiere hatten sich um die Robbenburg versammelt, um der Ehrung der drei Helden durch die Admiralin beizuwohnen.
„Erhebt euch nun: Käpt’n Smollett und Käpt’n Flint.“
Dann robbte sie auf Eddy zu.
Und dich, Eddy Erdmännchen, ernenne ich zum Seehund ehrenhalber. Du hast uns gezeigt, wie selbst das kleinste Tier, gegen den größten Gegner bestehen kann.“
Alle verneigten sich vor unseren drei Helden und klatschten mit den Flossen.
Doch jeder wusste auch, dass Eddy irgendwann weiterziehen würde.
„Und wer soll dann an Bord der Schiffe klettern?“, fragte Smollett besorgt.
„Also ich nicht!“, kam es gleich von Flint zurück.
„Ach, wer hätte das gedacht…?“
„Keine Sorge,“ sprach Eddy besänftigend, „Für meine Nachfolge ist schon gesorgt.“
Die Admiralin nickte wohlwollend. Und gleich am nächsten Morgen eskortierten die frischgebackenen Kapitäne Smollett und Flint Eddy Ehrenseehund zu seinen Otterfreunden – als Botschafter. Die Otter waren sofort von der Idee begeistert, sich mit den Robben gegen die ‚Seedrachen‘ zu verbünden. Endlich gab es wieder genügend Fisch für alle, ganz besonders weil ein langer kalter Winter bevor stand. Und der hielt auch für Eddy wieder ein ganz besonderes Abenteuer bereit. Aber das ist eine andere Geschichte.