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In der Otterhöhle

„Hört ihr den Wind? – Der erzählt manchmal geheimnisvolle Geschichten aus fernen Ländern…“
Gebannt lauschten die Otterkinder Opa Olufs Stimme. Es war zu kalt am Fjord um draußen zu spielen, und so sorgten Großvaters Erzählungen für Abwechslung im Otterbau.
Auch Eddy Erdmännchen blieb lieber drinnen und nutzte die ruhigen Tage, um seinen Freunden Briefe schreiben: Murmeltier Fred, Dino die Wanderratte, Claude, Nadine und Bärenmama Ursula, den Freunden vom Zirkus Serengeti und natürlich seinem allerbesten Freund Bruno Fledermaus.
„Fehlen dir deine Freunde?“ Elin hatte sich zu Eddy gesellt.
„Meine Freunde, meine Familie, Afrika. Aber ihr seid ja auch meine Freunde.“
Eddy lächelte seine Otterfreundin an. Aber sie wusste, dass er eines Tages weiterziehen würde.
Ein lauter Knall drang aus der Ferne zu ihnen. Eddy schreckte auf: „War das ein Gewehr?“
„Mmh, vielleicht Jäger,“ Opa Oluf runzelte die Stirn. „Aber eigentlich gibt es die hier schon lange nicht mehr.“
„Und wenn doch?“, fragte Elin erschrocken.
Eddy hatte die Neugier gepackt. „Das kriege ich raus.“ Entschlossen sprang er auf, schlüpfte in seine dicken Wintersachen.
„Eddy! Nein, bleib hier,“ rief Elin besorgt. „Großvater, sag doch was!“
„Schau doch mal an der alten Blockhütte, Eddy,“ kam es von Opa Opuf zurück. „Da waren früher oft Jäger.“
„Großvater!“, Elin schaute ihren Opa vorwurfsvoll an.
„Keine Sorge,“ beruhigte Eddy seine Otterfreundin. „Ich passe auf mich auf.“
Dann nahm er seine Taschenlampe und machte sich auf den Weg. Nach einer Weile sah er in der Ferne ein flackerndes Licht. Darauf ging er zu, bis er die Hütte im Schein eines Lagerfeuers erkannte, vor dem sich zwei Männer wärmten – jeder mit einem Gewehr bewaffnet. Eddy waren Gewehre unheimlich. Er wusste, was Menschen damit anrichten konnten. Er wollte sich gerade auf den Rückweg machen, als…
„Huch!“ Eddy zuckte zusammen. Er hatte einen Vogel aufgescheucht, der sogleich mit lauten Flügelschlägen davon flatterte
Die Männer waren alarmiert. Sie sprangen auf, griffen nach ihren Gewehren und spähten umher. Eddy schlich noch ein kleines Stück zurück. Dann sprang er auf und rannte kopflos davon. Als ihm schließlich auffiel, dass niemand ihn verfolgte, war es zu spät. Er war vom Weg abgekommen.
„Okay Eddy, bleib cool,“ beruhigte er sich selbst. „Erst mal finden wir raus, wo du bist.“
Er sah sich um. In der Ferne entdeckte er ein Tannenwäldchen, das ihm bekannt vorkam. Darauf stapfte er zu. Doch plötzlich! Im Lichtschein seiner Taschenlampe erschien etwas Großes, Weißes… Lebendiges.
„Wewewer ist da?“, stammelte er und fuhr mit der Lampe den haarigen Körper hinauf, bis er in ein rundes Gesicht mit einer langen Schnauze blickte.

Der Eisbär

Eddy durchfuhr ein Riesen Schreck. Vor ihm stand: ein ausgewachsener Eisbär.
Dieser schaute ihn mit musternden Blick an: „Bist du ein Hase?“
„Nee, ein E e erdmännchen.“
„E e erdmännchen? Noch nie gehört. Wie schmeckt denn E e erdmännchen?“
„Ääh… nicht so toll,“ stammelte Eddy.
„Haha, glaube ich nicht,“ schmunzelte der Bär.
„Na gut,“ antwortete Eddy. “Eigentlich ganz lecker. Aber… man kriegt von Erdmännchen Durchfall.“
„Hahaha, du bist witzig.“
„Oder Haarausfall. Wäre doch ziemlich blöd bei der Kälte, oder?“
„Hahaha.“ lachte das riesige Tier „Ich weiß nicht ob du lecker bist, aber lustig bist du auf jeden Fall.“
Eddy hatte den Eindruck, dass der Eisbär ein recht spaßiger Zeitgenosse war. Und so legte er nach und nach seine Furcht ab.
„Und wie ist das mit Eisbären?“, fragte er mutig. „Schmecken die besser im Becher, in der Waffel oder als Eisbär am Stiel?“
“Hahaha, Eisbär am Stiel, Hahaha.“ Der Bär kugelte sich am Boden vor lachen.
Als er sich endlich beruhigt hatte: „Wie heißt du eigentlich?“
„Ich bin Eddy.“
„Hallo, Eddy, ich bin Bulwai.“
„Und was machst du hier? Ich dachte Eisbären leben im ewigen Eis.“
„Ewiges Eis?“, Bulwai wurde plötzlich sehr ernst. „Das gibt es bald nicht mehr. Überall hat es zu schmelzen begonnen.“
Dann stieß er einen tiefen Seufzer aus.
„Weißt du, mein Heimateisberg ist zerbrochen, und ich bin auf einer Eisscholle nach Süden getrieben, bis sie unter mir weggeschmolzen ist. Ich konnte mich gerade noch ans Ufer retten. Aber ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin.“
„Das kann ich dir sagen.“
Eddy holte seine Karte heraus und zeigte dem Bären, wo sie sich befanden.
„So weit weg von zuhause?“ Sorgenfalten zogen in Bulwais Gesicht, und Eddy spürte, wie einsam sich dieser Bär fühlte.
„Ich bin auch weit weg von meiner Heimat,“ versuchte ihn Eddy zu trösten. „Aber ich habe hier viele Freunde gefunden.“
„Vor dir hat ja auch niemand Angst,“ sagte Bulwai mit gesenkter Stimme. „Mich fürchten alle – sogar die Menschen. Und die jagen mich jetzt. Dabei müsste ich eigentlich Winterschlaf halten.“
„Also ich,“ Eddy richtete sich auf. „Ich fürchte dich nicht.“
„Sind wir dann auch Freunde?“ Der Bär schaute Eddy mit leuchtenden Augen an
„Wenn du willst, gerne.“
„Oh, das ist toll Eddy.“
Bulwai wollte Eddy gerade umarmen, als ein Gewehrschuss die Stille durchbrach. Er riss den Kopf hoch, sprang auf und stürzte davon. Eddy sah ihn noch in dem Tannenwäldchen verschwinden. Dann machte auch er sich wieder auf den Weg.

Eddys Plan

In der Otterhöhle wurde er bereits mit Spannung erwartet.
„Ein Eisbär in der Gegend?“ Elins Vater war sehr besorgt. „Das ist nicht gut. Wie werden wir den bloß wieder los?“
„Ich finde, wir sollten die Jäger loswerden und mit dem Eisbären Freundschaft schließen,“ hielt Eddy selbstbewusst dagegen.
„Freundschaft?“, Erins Vater schaute Eddy ungläubig an. Sogleich brach eine Diskussion unter den Ottern aus.
Opa Oluf hörte eine ganze Weile gelassen zu. Dann schließlich ergriff er das Wort: „Wir verdanken Eddy unser Bündnis mit den Seehunden und: die Freundschaft mit einem Adler. Eddy vertraut einem Eisbären mehr als den Menschen? Gut! – Dann sollten wir Eddy vertrauen!“
Selbstbewusst verschränkte er die Arme, und jeder wusste, dass der weise alte Otter recht hatte.
„Na gut,“ auch Elins Vater willigte nun ein. „Und was jetzt?“
„Ich hätte da eine Idee,“ Eddy setzte sein verschmitztes Lächeln auf. „Bin gleich zurück!“
Er eilte zu dem alten Boot, das unten am Strand lag, und schon kurz darauf kam er
mit einer alten, verstaubten Flasche zurück.
„Das ist deine Lösung?!“, Elins Vater war sehr skeptisch. Und erneut brach eine wilde Diskussion unter den Ottern aus.
Währenddessen öffnete Großvater Oluf die Flasche und schnüffelte vorsichtig daran. Dann lachte er laut los. „Hahaha, oh Eddy, du bist wirklich der Allerallerschlauste.“

Eddys Mission

Eine gefährliche Mission stand jetzt an, für die sich natürlich Eddy als Freiwilliger gemeldet hatte. Gleich machte er sich, begleitet von vielen guten Wünschen und Ratschlägen der Otter, auf den Weg zur Blockhütte – mit einem kleinen Umweg durch das Tannenwäldchen.
„Bulwai! Bulwai!“
„Eddy, du bist zurückgekehrt!“
Der Eisbär kam aus dem Dickicht hervor und sah Eddy freudestrahlend an. Dieser weihte ihn gleich in seinen verwegenen Plan ein.
„Das soll funktionieren?“, auch Bulwai war nicht überzeugt.
„Klar,“ antwortete Eddy. „Auf manche Sachen ist bei den Menschen Verlass.“
Dann ging es weiter zur Jagdhütte. Dort angekommen schlich Eddy zum Eingang, um die Flasche gut sichtbar dort abzustellen. Er verwischte seine Spuren und war im Nu wieder bei Bulwai, der in sicherer Entfernung auf der Lauer lag. Gerade rechtzeitig; denn sie hörten einen Wagen, der sich näherte und schließlich vor dem Blockhaus zum Stehen kam. Die zwei Jäger stiegen aus und stapften zur Hütte. Natürlich fiel ihnen die Flasche auf, die sie, scheinbar ohne nachzudenken, mit hinein nahmen.
„Mist, die Flasche ist weg,“ fluchte der Bulwai leise. „Was machen wir denn jetzt, Eddy?“
„Wir machen erst mal nichts.“
„Hihi, das kann ich gut.“
Der Abend verging, und unsere Freunde waren schon fast eingeschlummert, als sie von einem fürchterlichen Laut aufgeschreckt wurden.
„Hilfe,“ der Eisbär schreckte auf. „Sie greifen an!“
Einer der Jäger hatte ein Lied angestimmt. Dann hörte man schließlich beide singen – so schief und falsch, dass Bulwai eine Gänsehaut unter seinem dicken Fell bekam.
„Hihi, es funktioniert,“ kicherte Eddy.
Irgendwann wurde es still in der Hütte. Auf leisen Sohlen schlichen unsere beiden Helden dorthin. Die Tür stand einen Spalt auf. Sie schlüpften hindurch und traten vorsichtig ein.
Im Kerzenschein sahen sie die Jäger, die schnarchend aneinander gelehnt auf einer Bank saßen. Eddy zeigte auf die Flasche, die ausgetrunken auf dem Tisch stand.
„Siehst du? – Auf die Menschen ist Verlass. Die haben keinen Tropfen drin gelassen.“
Vorsichtig schnupperte Bulwai daran. „Igittigitt. Sowas trinken die?“
„Tja, Bulwai.“ Eddy zuckte mit den Achseln. „Menschen sind schon komische Leute.“
In aller Ruhe sammelte er die Gewehre ein und ließ sie, während die Jäger ihren Rausch ausschliefen, in einem Loch verschwinden, das sie zuvor gebuddelt hatten. Dann kehrte er zurück in die Hütte, wo der Bär vor den beiden Menschen hockte und sie betrachtete.
„Schau mal, wenn sie schlafen, sehen sie richtig friedlich aus.“
„Jetzt sind sie es ja auch,“ antwortete Eddy mit leiser Stimme. „Komm, wir verschwinden.“
Aber Bulwai hatte noch irgend etwas vor.
„Bulwai! Los! Komm!“, wiederholte Eddy – etwas zu laut. Denn jetzt hatte er die Jäger geweckt. Sie erblickten den Eisbären und waren sogleich hellwach. Starr vor Angst kauerten sie sich in die Ecke.
„Hallo ihr beiden,“ sagte Bulwai mit sanfter Stimme. „Ich wollte euch nur sagen, dass ich euer Freund sein möchte. Ihr müsst keine Angst vor mir haben, einverstanden?“
Dann hielt er ihnen seine Pranke hin.
Die Jäger zuckten zusammen. Natürlich verstanden sie kein Eisbärisch. Für sie klang es wie ein bedrohliches Brüllen. Langsam erhoben sie sich und drängten sich vorsichtig an Bulwai vorbei. Dann rannten sie laut schreiend aus der Hütte geradewegs zu ihrem Auto.
Fragend schaute der Eisbär den beiden Menschen hinterher. „Was haben die denn?“
„Nichts verstanden,“ antwortete Eddy und begann sich in der Hütte umzusehen.
„Vielleicht doch. Schau mal Eddy.“ Bulwai wies mit seinem Kopf nach draußen.
Ein Mann saß bereits im Wagen, während der andere noch einen Augenblick stehen blieb und zu Bulwai herüber sah. Er hob die Hand, wie zum Gruß und nickte ihm voller Dankbarkeit zu, als wollte er sagen: ‚Lass uns Freunde sein‘. Dann stieg auch er ein, und der Wagen preschte davon.

Wie man einen Eisbären glücklich macht

„Bulwai, komm mal her.“ Eddy hatte eine Vorratskammer entdeckt.
„Oh, Eddy. Kartoffeln, Brot. Fleisch, Käse… Ist das herrlich.“ Sogleich stürzte sich Bulwai auf das Essen.
„Ich glaube,“ schmunzelte Eddy. „Ich lasse dich mal allein.“
Er überließ die Leckereien dem hungrigen Bären und machte sich auf zu den Ottern. Hocherfreut über die Neuigkeiten schickten die ihn – natürlich nach ausgiebiger Diskussion – mit guten Nachrichten zurück zum Blockhaus, wo Bulwai gerade das letzte Glas Marmelade ausschleckte.
„Hallo Bulwai! – Ups, du hast aber zugenommen.“
Oh ja! Aus dem Eisbären war ein echter Pummel geworden. Und das war auch gut so; denn ohne Winterspeck, kein Winterschlaf.
„Hallo Eddy – schau mal: Alles aufgegessen. Boah, bin ich voll.“
„Dann tut dir ein bisschen Bewegung sicher gut. Komm mit. Ich habe eine Überraschung.“
Eddy führte Bulwai in die Berge zu einer verlassenen Höhle – einem Versteck der Otter, die beschlossen hatten, sie dem Bären zu überlassen.
„Schau mal! Das ist dein neues Zuhause!“
„Was? Wer ist da? Wer stört da meinen Winterschlaf?“, aus der dunklen Höhle drang eine grimmige Stimme zu ihnen. Erschrocken schaltete Eddy die Taschenlampe ein.
Vor ihm stand eine Braunbärin, die ihn missgelaunt ansah. Von wegen: verlassene Höhle.
„Was fällt dir ein, meinen Schlaf zu…,“ die Bärin unterbrach ihren Satz.
„Oh, wer sind Sie denn?“, fuhr sie mit freundlicher Stimme fort.
Bulwai hatte die Höhle betreten.
„Guten Tag, störe ich?“, fragte er höflich.
„Nicht doch!“, antwortete die Bärin mit Säuselstimme. „Einen netten Artverwandten sieht man doch immer gern. Noch dazu einen so gutaussehenden.“
„Hallo, ich bin Bulwai.“
„Freut mich. Bulwai! Ich bin Brunhild. Ach was, nenn mich Bruni.“
Ein angeregtes Gespräch begann zwischen den beiden Bären, und Eddy fühlte sich plötzlich etwas fehl am Platz.
„Ääh, also Bulwai, ich mach mich mal vom Acker. Mach’s gut Kumpel.“
„Mach’s gut mein Freund.“
Dann umarmten sich der Eisbär und das Erdmännchen und gaben sich noch viele herzliche Wünsche mit. Dann machte Eddy sich auf den Weg.
„Wirklich süß dein Haustier,“ Brunhild schaute Eddy hinterher. „Ist das ein Hase?“
„Ein Hase?“, fragte Bulwai amüsiert. „Hahaha, ein Hase… .“
Eddy ging zufrieden zurück zur Otterhöhle und erstattete Bericht.
Die Neuigkeiten machten schnell die Runde, und schon bald gab es Gerüchte, man habe braunweiße Bärenjunge in der Gegend gesehen.
Bulwai, der Eisbär hatte ein neues Zuhause gefunden. Und ausgerechnet ein Mensch passte darauf auf, dass ihm nichts zustieß.
Es hieß, dass dieser Mensch einmal ein Jäger gewesen sei.