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Gute Nachricht

Eddy Erdmännchen und Jolly das Zirkusschwein saßen zusammen und sprachen über Ihre Serengeti-Show. Schon am Tag nach der gelungenen Premiere hatten sie sich mit ihrem Zirkus auf große Tournee durch das Land begeben. Die Aufführungen liefen gut, das Geld klingelte in der Kasse, und alle waren glücklich und zufrieden.
Alle, bis auf Eddy: „Jolly, du musst erschrocken sein, wenn der Löwe dich jagt.“
„Bin ich doch,“ widersprach das Schwein.
„Dann darfst du aber nicht ‚Fang mich doch Kumpel‘ rufen.“
„Aber die Menschen finden es toll.“
„Die wissen ja auch nicht, wie es wirklich ist in der Savanne.“
„Das weiß hier doch keiner – außer dir natürlich.“
Eddy seufzte. Jolly hatte recht. Sie hatten zwar eine tolle Afrika Show. Aber das wirkliche Afrika war eben doch ganz anders. Er musste wieder an seine Heimat denken, und es wurde ihm ganz schwer ums Herz.
„Alles okay, Eddy?“
„Jaja, schon gut,“ winkte das Erdmännchen ab, und Jolly antwortete mit einem verständnisvollen Lächeln, doch sie spürte, dass er irgendwann weiterziehen würde. Daran wollte sie aber erst mal nicht denken. So kam Mauzi der Löwe gerade recht: „Hey Leute, Neuigkeiten! Erinnert ihr euch an das Mädchen, das bei unserer Premiere zuerst geklatscht hat? – Das war die Enkelin des Halbvetters zweiten Grades väterlicherseits vom englischen Thronfolger – oder so. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall haben die uns dorthin eingeladen.“
„Was, echt jetzt?“ Jolly war begeistert. „Nach London?“
Wie sich herausstellen sollte, hatten sich hohe Staatsgäste aus Kenia – das ist ein Land in Afrika – beim englischen Königshaus angekündigt. Und die sollten, gleich am Flughafen, gebührend empfangen werden und zwar mit einer Serengeti-Show.
“Also, wenn wir vor Menschen aus Afrika spielen,“ mahnte Eddy an, „haben wir ein echtes Fachpublikum. Denen können wir nichts vormachen.“
„Und das englische Königshaus ist weltberühmt,“ Jolly geriet ins Schwärmen. „Das kommt dann bestimmt auch in den Fernsehnachrichten. Da sehen uns sicher Millionen Menschen!“
„Echt jetzt? So viele?“ Mauzi war eher verunsichert. „Da mache ich mir ja in die Hose.“
„Na du bist mir ja vielleicht ein toller Löwe,“ stichelte Jolly.
Das war jetzt eine ganz andere Herausforderung. Und so legten sich alle mächtig ins Zeug und arbeiteten an ihrer Show. Aber, was sie auch versuchten, Eddy war nie so richtig überzeugt. Irgend etwas fehlte noch.

Die Affen

So vergingen die Tage, bis sie eines Morgens unerwarteten Besuch bekamen.
“He Leute, was geht?“
Ein Affe hatte den Raum betreten. Er trug eine Baseballkappe, eine Sonnenbrille und gestikulierte bei jedem Wort wild mit seinen langen Armen herum.
„Wer von eusch ist Eddy?“
„Ich bin Eddy.“
„Oh cool. Ein Erdmännschen. Und du…“ Der Affe wandte sich Mauzi zu. „Du bist voll der zahme Löwe. Ich sehe das an deinem Blick, Alter.“
„Guck mal Eddy, der kennt sich voll gut aus.“ Mauzi war beeindruckt.
„Ja toll!“ grummelte Eddy etwas genervt. „Und kann ich dir helfen?“
„Nee Bruder, aber isch kann euch helfen.“
Dem Affen mangelte es offensichtlich nicht an Selbstvertrauen. Aber seine Kleidung, die lässige Haltung und die merkwürdige Ausdrucksweise machten Eddy ziemlich misstrauisch: „Schau an! Dann kennst du dich also aus mit Afrika.“
„Korrekt Bruder. Isch komme nämlisch von da.“
„Ach echt?“ Jetzt spitzte Eddy die Ohren.
„Und haben dich die Menschen dort auch gefangen und hierher gebracht?“ fragte Jolly neugierig.
„Bist du dumm? Alter. Isch bin da freiwillig weg.“
„Freiwillig?“ Jolly bohrte weiter. „Aber warum denn?“
„Wisst ihr denn nisch was da los ist?“ Alle schauten den Affen fragend an. „Ey Mann! Die Menschen hauen den ganzen Wald weg. Das ist echt sowas von krass! Die kennen da keine Freunde – ich schwöre.“
“Ich habe davon gehört,“ sagte Eddy, „Aber ihr Schimpansen….“
„Alter, keine Beleidigungen,“ fiel ihm der Affe ins Wort. „Isch bin kein Schimpanse. Isch bin ein Bonobo.“
“Entschuldigung. Also: Bonobo. Und du kannst uns helfen?“
„Korrekt! Isch weiß, was ihr braucht.“
Kurze Zeit war Stille. Und alle warteten darauf, dass ihnen der Bonobo endlich die Antwort lieferte. Aber der machte es spannend.
„Hey. Überlegt doch mal! Das ist doch voll klar…“
“So, ist es?“ Eddy hatte keinen Schimmer, worauf der Affe hinaus wollte.
„Leute! Eusch fehlt: Musik.“
„Mh, Musik…“ Jetzt kam Eddy ins Grübeln. Sie hatten an alles gedacht. Aber darauf war noch keiner gekommen. „Und wie kommen wir an Musik?“
“Zufälligerweise…“ Der Bonobo schaute scheinbar abwesend im Raum umher. „Zufälligerweise bin isch Musiker. Wollt ihr mal hören?“
„Klar!“ erklang es wie aus einem Munde.
Sogleich wandte sich der Affe zur Tür. „Leute, kommt rein!“ rief er, die Tür sprang auf, und zwei weitere Bonobos kamen hereingeschlendert. Scheinbar hatten sie nur auf das Kommando ihres Artgenossen gewartet.
„Darf isch vorstellen: Das sind Brad und Pitt.“
„Hallo Brad, hallo Pitt!“ begrüßte sie Mauzi freudig.
„Mmh, irgendwo habe ich eure Namen schon mal gehört,“ murmelte Eddy. „Und wer bist du?“
„Isch bin Curtis, Bruder.“
„Hallo Curtis, ich bin Mauzi“
„He Mauzi, was geht? – Cooler Name!“
„Hi Curtis, ich bin Jolly.“
Die Stimmung entspannte sich. Nach und nach stellten sich alle vor und begrüßten die drei Bonobos. Dann wurde Eddy langsam ungeduldig.
„Ok, Curtis. Wie wäre es denn jetzt mal mit einer Kostprobe?“
„Du gefällst mir, Bruder. Laberst nischt lange rum.“
Dann holten Curtis und seine beiden Freunde kurzerhand ein paar alte Trommeln hervor. Er zählte bis vier und los ging es. Und wie! Die drei veranstalteten ein wahres Feuerwerk auf ihren Instrumenten. Das hörten auch die anderen Tiere und kamen eins nach dem anderen hinzu. Sie wippten mit dem Kopf oder mit den Fußspitzen im Rhythmus. Und Dizzy, der Elefant ließ es sich nicht nehmen, ein kleines Trompetensolo zum besten zu geben. Als sie schließlich ihre kleine Vorstellung beendet hatten, war jeder restlos überzeugt – auch Eddy. Genau das war es: Die Musik. Sie machte den Unterschied.
„Hey Leute, isch kann auch singen.“ Curtis wartete erst gar nicht auf eine Antwort sondern wandte sich gleich seinen Artgenossen zu: „Gebt mir mal nen Beat, Jungs!“
Und gleich begannen Brad und Pitt mit ihren Schnauzen und Händen einen Rhythmus zu machen. Curtis nahm eine lässige Pose an, zog sein Baseballcappy ins Gesicht und begann zu rappen:
„Im Urwald! Da lauert die Schlange.
Doch vor der: bin ich nicht bange.“
“Haha, das ist super!“ Mauzi war begeistert
„Dem Löwen sag ich ins Gesischt:
Hey Alter! Du kriegst mich nischt.“
“Hä, wie?“ Mauzi war itrritiert, „Wie meint der das?“
„Und das Wa-Wa-Warzenschwein,
lädt der Leopard zum Essen ein….“
„Ich finde, das reicht jetzt!“
“Finde ich auch!“ Jolly und Mauzi waren bedient.
„Alter, isch hab aber noch was mit Erdmännschen…“
„Ich denke, wir haben genug gehört,“ unterbrach ihn Eddy. „Es reicht völlig, wenn ihr trommelt.“
„Ok, du bist der Boss!“

Auf nach London

Dann ging es wieder an die Arbeit. Die Stimmung war ausgelassen; denn mit Musik machte alles viel mehr Spaß. Endlich bekam die Afrika Show das, was ihr immer gefehlt hatte: Afrikanische Musik. Auch der Direktor war begeistert und spendierte den drei Bonobos gleich ein paar schöne neue Trommeln.
Wie sich herausstellen sollte, hatten die Affen – wen wundert’s? – auch noch ein paar richtig tolle Nummern am Trapez drauf.
So tourten sie durch die Lande und wurden von den Menschen gefeiert. Bis die Zeit gekommen war, um mit dem gesamten Zirkus nach London aufzubrechen. Dafür hatte ihnen das Königshaus sogar eigens ein Schiff gesandt. Die Überfahrt verlief reibungslos, und schon nach wenigen Tagen, war alles aufgebaut und vorbereitet. Jetzt hieß es nur noch: warten auf den großen Tag.

Eddys Sehnsucht

Am Abend vor dem großen Auftritt saßen alle noch einmal beisammen. Naja, nicht alle. Irgendwann fiel Jolly auf, dass einer fehlte: „Sagt mal, hat jemand Eddy gesehen?“
“Ich glaube, der ist noch in der Arena.“
Mauzi hatte recht. Jolly fand Eddy mitten im weiten Rund der Zirkusarena. Dort saß er und starrte Gedanken versunken an die Decke des riesigen Zelts. „Hey, Eddy. Stimmt was nicht?“
„Doch, schon. Aber je besser unsere Show wird, umso mehr erinnert sie mich meine Heimat.“
Jolly seufzte verständnisvoll: „Ich weiß. Und dann bekommst du Sehnsucht.“
Eddy stimmte ihr nur mit einem traurigen ‚Mhm‘ zu.“
Dann saßen sie eine ganze Weile da und schwiegen.
„Hey Kumpels, was geht?“ Curtis war hinzu gekommen und wurde von den beiden mit einem unmotivierten ‚Hi Curtis‘ begrüßt. So wurde ihm schnell klar, dass er wohl in irgend etwas hinein geplatzt war. Er setzte sich also dazu, und sie schwiegen zu dritt weiter. So verging eine ganze Weile. Dann wandte sich Curtis mit ruhiger Stimme dem Erdmännchen zu.
„Du willst nach Afrika zurück, stimmt’s?“
“Das hast du gemerkt?“ fragte Eddy ein wenig erstaunt.
„Klar Bruder, geht mir konkret auch so. Aber hier ist es cooler.“
„Tja, vielleicht sollte ich auch hier bleiben.“
„Super Eddy, so machen wir das!“ rief Jolly begeistert aus.
„Ich weiß, wie du… nach Afrika kommst.“ Der Satz war Curtis herausgerutscht; denn auch er hätte sich gefreut, wenn Eddy geblieben wäre.
„Echt jetzt? Du?“ Eddy horchte auf. „Los Curtis, sag an!“
Und dann erzählte der Bonobo, wenn auch etwas zögerlich, von seiner Idee.
„Würdet ihr das für mich tun?“ fragte Eddy ein wenig ergriffen.
„Hey, Bruder. Wir Afrikaner müssen doch zusammenhalten!“
„Ich bin aber kein Afrikaner.“ protestierte Jolly.
„Aber du bist das coolste Warzenschwein Europas. Schwöre!“ Und dabei schlug Curtis dem Schwein freundschaftlich auf die Schulter.

Der geheime Plan

Nach kurzer Zeit hatten die drei aus Curtis Idee einen richtig guten Plan geschmiedet. Jetzt mussten sie nur noch alle einweihen und auf den großen Auftritt warten. Und der kam bald.
Viele dicke Autos kamen auf den Flughafen gefahren. Aus denen stieg die Königsfamilie mit ihrem Gefolge, ihren Leibwächtern und allen, die sonst noch dazu gehörten.
„Was macht denn die Omi mit der Handtasche da?“
„Ssst, still Mauzi,“ zischte Jolly, „ich glaube, die hat hier das Sagen.“
Nicht lange, und das Flugzeug mit den Gästen aus Kenia war gelandet. Viele Frauen und Männer in edlen Trachten stiegen aus und wurden von der Königsfamilie gebührend empfangen. Anschließend betrat man gemeinsam das große Zirkuszelt, das nahe der Landebahn aufgebaut war. Alle setzten sich. Dann wurden erst einmal ein paar Reden gehalten.
„Dass die Menschen immer soviel rumlabern müssen…“
„Sei still, Curtis,“ rief Eddy mit gedämpfter Stimme . „Die hören uns doch.“
Endlich begann die Show. Und was für eine Show. Für Eddy und seine Freunde wurde es die Aufführung ihres Lebens, und noch bevor der letzte Trommelschlag der Bonobos erklungen war, waren die Zuschauer aufgesprungen und ließen ihrer Begeisterung freien Lauf.
Das war der Moment, auf den sie gewartet hatten. Curtis, Brad und Pitt hängten sich ihre Trommeln um und marschierten hinaus auf das Flughafengelände. Und alle marschierten, wie bei einer großen Parade hinterher – die Tiere, der Direktor, die Besucher aus Afrika und nach kurzem Zögern auch die Königsfamilie, ja sogar die alte Dame mit der Handtasche.
Alle bis auf Eddy.
„Ok Eddy, die Luft ist rein,“ flüsterte Jolly seinem Freund zu. Dann gab sie das vereinbarte Kommando.
Mauzi der Löwe brüllte laut, Dizzy der Elefant trompetete und die Bonobos machten einen Affenlärm. Und die Menschen? Die antworteten mit einem Raunen nach jedem Tierlaut und spendeten tosenden Beifall. Das Ablenkungsmanöver funktionierte. Die Wachen, die rings um das Flugzeug der Afrikaner aufgestellt waren, begannen begeistert mit zu klatschen.
„Leb wohl Jolly, und grüß nochmal alle von mir.“
„Mach’s gut mein Freund. Du wirst uns fehlen.“ Jolly kämpfte mit ihren Tränen.
„Hey Jolly, wir sehen uns wieder – garantiert. So berühmt, wie ihr jetzt seid, finde ich euch bestimmt überall.“
„Versprochen! Sonst kommen wir nach Afrika.“ Dann umarmten sich beide noch einmal, und Eddy flitzte über die Startbahn, vorbei an den Wachen, hinein ins Flugzeug.
Er suchte sich ein gemütliches Versteck irgendwo im Frachtraum und lauschte dem verrückten Treiben auf dem Rollfeld.
Er hatte ja schon viele Abschiede erlebt. Aber dieses mal hatten sie eine Parade nur für ihn gemacht, auch wenn es nur ein Ablenkungsmanöver war. Doch als er schließlich ein paar Stimmen „Goodbye Eddy“ singen hörte, kullerte so manche Träne durch sein Gesicht.
Nach geraumer Zeit kehrte die afrikanische Delegation an Bord zurück, und das Flugzeug hob sich sanft in den Himmel. Eddy bekam davon nichts mehr mit. Er schlief längst tief und fest. Ganz sicher träumte er von seiner Heimkehr nach Afrika.
Sollte sein Traum jetzt also endlich in Erfüllung gehen? – Wer weiß?