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Bruno und die Fledermäuse
 

Es war eine wundervolle, sternenklare Nacht. Der Vollmond schien hell auf das Felsplateau vor der Bärenhöhle in den Pyrenäen. Eddy Erdmännchen und sein bester Freund Bruno Fledermaus hatten es sich gemütlich gemacht, zusammen mit der Maus Nadine, ihrem Mann Claude und Bärenmama Ursula. Es wurde gegessen und getrunken, gelacht und gesungen. Und natürlich wollten alle noch mehr von den Abenteuern der beiden Reisenden hören, die Eddy dann auch gern erzählte. Bruno kannte die ganzen Geschichten ja schon. Außerdem war er kein so guter Geschichtenerzähler wie Eddy. Deshalb verkrümelte er sich derweil lieber in die Höhle und spielte mit dem Bärenjungen.
Stunden vergingen, und irgendwann begann sich Eddy ein wenig Sorgen zu machen.
„Sag mal Ursula, dein Kleiner schläft doch sicher schon. Dann müsste Bruno doch längst zurück sein?“
„Ach, der ist bestimmt auch eingeschlafen,“ beruhigte ihn die Bärin.
„Nee, Fledermäuse sind doch nachtaktiv.“ 
Er ging also lieber in die Bärenhöhle um nachzusehen. Und tatsächlich: Der kleine Bär schlief tief und fest, genau wie es Ursula gesagt hatte. Aber keine Spur von der Fledermaus.
„Bruno, Bruuuno!“
„Ich bin hier,“ kam es aus dem Inneren der Höhle zurück. Eddy folgte der Stimme seines Freundes.
„Wo bist du denn?“
„Na, hier oben.“ Bruno Fledermaus schaute von der Decke auf das Erdmännchen hinunter. Er hatte ein paar von seinen Artgenossen entdeckt. Mit denen hing er nun, ganz nach Fledermausart, unter dem Fels und unterhielt sich offenbar sehr angeregt auf Fledermäusisch.
Eddy hatte das ja schon einmal in den Kanälen von Neapel erlebt. Aber irgend etwas war dieses mal anders. Bruno schien seinen Freund gar nicht richtig zu beachten.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte Eddy.
„Äh, ja ja,“ rief Bruno etwas beiläufig von oben zurück.
„Geh ruhig wieder zu den Anderen.“ Sogleich wandte er sich wieder seinen neuen Bekannten zu, und Eddy stand ein wenig verloren daneben. „Tja, also dann, … bis später,“ murmelte er noch – mehr zu sich selbst. Dann verließ er die Höhle und gesellte sich wieder zu Claude, Nadine und Ursula. Die drei diskutierten gerade, warum es eigentlich Bärenhunger und nicht Mäusehunger heißt. Er setzte sich daneben und schwieg. Irgend etwas stimmte da nicht.
Nach einer Weile kamen die Fledermäuse aus der Höhle geflattert und verschwanden in der Ferne. Ihr Arbeitstag, besser gesagt: ihre Arbeitsnacht, hatte wohl begonnen. 

Brunos Geheimnis

Kurz darauf verließ auch Bruno die Höhle und setzte sich zu seinem Gefährten.
„Du Eddy, wollen wir nicht noch ein paar Tage bleiben? Mir gefällt es hier echt gut.“
„Meinst du?“ Eddy war nicht so überzeugt. „Wir wollten doch eigentl… .“
„Eine fantastische Idee,“ unterbrach ihn Claude, der Brunos Frage aufgeschnappt hatte. „Ihr könnt sicher in Ursulas Höhle wohnen, oder?“
„Aber natürlich,“ antwortete die Bärin begeistert. „Wenn ich das meinem Kleinen erzähle, der kriegt sich nicht wieder ein.“
Wie es aussah, wurde Eddy gar nicht mehr gefragt. Es war also beschlossene Sache: Sie würden noch eine Weile bleiben. Warum auch nicht? Es gab viel zu erkunden, und mit den Mäusen und den Bären wurde es so schnell nicht langweilig. Allerdings machte Bruno sich ziemlich rar. Er verbrachte die Zeit lieber mit seinen neuen Fledermausfreunden.
Das fiel auch Nadine auf: „Sag mal, Eddy, was ist eigentlich mit deinem Freund los?“
„Ich weiß auch nicht. Ach, der beruhigt sich schon wieder,“ versuchte er sich selbst zu trösten.
Eddy wollte sich durch Brunos komisches Verhalten nicht die Laune verderben lassen. Er machte es sich stattdessen zur Aufgabe, den kleinen Bären zu unterweisen – ganz zur Freude von Bärenmutter Ursula. Und so lernte der Kleine, wie man Ski läuft, wie man Menschen erschreckt, einen Wolf überlistet und sogar, wie man auf einem Rettungsring surft – zumindest theoretisch. Also all das, ‚was ein Bär eben so wissen muss.‘ An den Abenden trafen sich immer alle vor der Höhle und genossen die lauen Sommernächte. Alle… bis auf…
„So, mir reicht’s. Ich rede jetzt mit Bruno.“ Eddy sprang auf und ging energischen Schrittes in die Höhle, wo die Fledermaus mit ihren Artgenossen wieder sprichwörtlich herumhing.

Marie

„Hi Eddy, alles klar?“ begrüßte Bruno ihn freundlich.
„Nee! Ich muss unbedingt mit dir red….“ Eddy unterbrach seinen Satz; denn Bruno schenkte seine Aufmerksamkeit plötzlich einer anderen Fledermaus, die hinzugekommen war: „Hallo Marie.“
„Ääh, Bruno!?“
„Oh entschuldige Eddy, das ist Marie. Marie, das ist mein Freund Eddy.“
„Hallo Marie,“ begrüßte Eddy die Fledermäusin ziemlich desinteressiert. Diese grüßte freundlich zurück, wandte sich aber sogleich wieder Bruno zu. Offensichtlich hatten die beiden so einiges zu besprechen. Und Eddy? – Der fühlte sich wieder mal völlig fehl am Platz. So verabschiedete er sich lieber und schlich mit hängendem Kopf aus der Höhle.
Draußen angekommen wurde er gleich mit Fragen gelöchert.
Nadine machte den Anfang: „Ist alles klar mit euch beiden?“
„Ja, ja,“ winkte Eddy ab. „Er hat mir eben eine von seinen neuen Freunden vorgestellt: Marie.“
„Oh, eine Sie,“ Claude hatte offensichtlich einen Verdacht.
„Was meinst du damit?“ fragte Eddy verunsichert.
„Ach nichts. Allerdings… die Fledermausmädchen hier sind wirklich sehr verführer…!“
„Claude!“ Mäusemama Nadine buffte ihrem Gatten in die Seite. Dann wandte sie sich Eddy zu:
„Also, was Claude sagen will…“
„Ja was?“ Eddy wurde langsam ungeduldig.
„Naja, Nadine wollte sagen,“ fiel ihr Claude ins Wort, „dass ich sagen will…“
„Jetzt druckst doch nicht so rum!“ rief Eddy genervt.
„Hey Leute, wie geht’s?“ Bruno war aus der Höhle gekommen und gesellte sich zu ihnen. Gleich starrten ihn alle an. „Äh, was ist denn los?“ Claude schmunzelte neugierig: „Du Bruno, erzähl doch mal von Marie.“
Die Fledermaus musste nicht lange überlegen. „Sie ist sehr, sehr nett. Und intelligent. Sie hat wunderschöne Ohren und so wundervoll glatte Flügel. Und ihre Zähne, so etwas von…,“
und während er Marie mit Säuselstimme und verträumten Augen in den schönsten Tönen beschrieb, brachen Nadine, Claude und Ursula in lautes Gelächter aus.
„Was ist denn?“
„Tu es amoureuse!“ rief Claude belustigt aus.
„Häh?“ „Du bist verliebt, Bruno!,“ übersetzte Nadine.
„Ach was,“ winkte dieser ab. „Wie kommt ihr denn darauf?!“
Die Mäuse und die Bärin begannen sogleich ein munteres Gespräch. Zu dem Thema hatte wirklich jeder eine Geschichte parat.
„Claude, weißt du noch, wie wir uns verliebt haben?“
„Oh ja, Liebes. Wir waren ja noch so jung,“ schwärmte Claude. „Mon dieu, ist das lange her.“
„Oh ja, über drei Monate,“ ergänzte Nadine.
Man muss wissen, dass Mauseleben nicht so lang sind. Da sind drei Monate schon ganz schön viel.
Bärenmama Ursula stieß einen langen Seufzer aus. „Wenn ich an meinen ersten Freund denke. Wir waren ja so verknallt, obwohl wir ein so ungleiches Paar waren. Ihr müsst wissen: Otto war ein Waschbär.“
„Ein Waschbär?“ Claude musste laut lachen. „Das ist ja, als wenn ich mit einem Fledermausmädchen… Obwohl, wenn ich recht überl…!“
„Claude!“ Und wieder buffte Nadine ihren Mann in die Seite.
Die drei hatten auf jeden Fall ihren Spaß. Und während sie sich ihre alten Geschichten erzählten, saßen Eddy und Bruno schweigend daneben.
„Meinst du, die haben recht, Eddy?“
„Keine Ahnung. Mit so etwas kenne ich mich nicht aus.“
Mäusemama Nadine hatte Brunos Frage aufgeschnappt und setzte sich zu den beiden.
„Wie fühlt es sich denn an, Bruno?“
„Oh toll,“ schwärmte er. „So toll hat sich noch nie etwas angefühlt.“
„Dann ist es was Ernstes!“
„Was Ernstes?“ Eddy sprang auf. „Bruno! Da finden wir doch bestimmt was in unserem Verbandskasten.“
Nadine lachte laut los. Natürlich, gegen verliebt sein hilft kein Verband und auch kein Pflaster. Eddy hatte das auch schnell begriffen, und langsam rieselte ihm, dass er nicht mehr die wichtigste Person für Bruno war. Ja vielleicht würde er sogar allein weiter ziehen müssen. Ihm wurde ganz schwer ums Herz.
So vergingen die Tage. Und während Bruno auf Wolke Sieben saß, blies Eddy Trübsal.
Das fiel auch Bärenmama Ursula auf: „Sag mal, Eddy: Freust du dich denn gar nicht für Bruno?“
„Naja, irgendwie schon. Aber wir hatten uns doch soviel vorgenommen. Und jetzt bin ich plötzlich Luft?“
Eddy war eifersüchtig und irgendwie auch ein bisschen sauer auf Bruno. Und so zog er es vor zu schmollen, statt sich mit seinem Freund zu freuen. Für Bruno und Marie war das ziemlich merkwürdig. Sie gingen Eddy deshalb lieber aus dem Weg und verkrümelten sich in einem kleinen Erdloch weiter unten im Tal.

Die Katastrophe

Mit einem mal fiel es Eddy wie Schuppen von den Augen. „Bruno!“ Sein bester Freund war vielleicht in Lebensgefahr. Plötzlich spürte er, dass er ihn jetzt wirklich verlieren könnte.
„Schnell, wir müssen den beiden helfen!“ rief er laut und rannte ohne zu zögern den Berghang hinunter geradewegs auf Brunos neue Behausung zu. „Bruno, Marie – ich komme!“
„Eddy, bleib hier, das ist viel zu gefährlich,“ rief ihm Ursula noch hinterher. Doch vergebens! Dann kam es, wie es kommen musste. Der Berghang war nass und glitschig, und ehe Eddy sich versah, verlor er den Halt, fiel auf seinen Po und rutschte mit einem lauten Schrei hinab in die Tiefe. Dann wurde es still.

Wahre Freundschaft

Nach einer Weile ließ der Regen nach. Jetzt trauten sich auch Ursula und Claude aus der Höhle. Verzweifelt riefen sie nach Eddy. Aber es kam keine Antwort. Und so tapsten sie Schritt für Schritt hinab bis in die Talsohle. Unten angekommen bot sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Der Eingang zu Brunos neuer Behausung war unter Schlamm und Geröll begraben und keine Spur von Eddy. Sie kamen zu spät. Da standen sie nun und machten sich die schlimmsten Vorwürfe, bis sich plötzlich über ihnen am Berghang etwas bewegte. Ursula und den Mäusen fuhr der Schreck in die Glieder.
Drei pechschwarze Gestalten waren aufgetaucht.
„Haallo!“
„Wir sind’s!“
Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht. „Eddy, Bruno, Marie – seid ihr es?“
Sie waren es. Das Erdmännchen und die beiden Fledermäuse waren kaum zu erkennen; denn sie waren von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, der sich langsam im Nieselregen auflöste.
„Ihr seid es!“ Auch Claude erkannte sie jetzt.
„Eddy hat uns gerettet,“ rief Bruno.
„Ach quatsch!“ winkte dieser bescheiden ab. „Das war doch nichts.“
„Oh nein, das war unglaublich.,“ widersprach die Fledermaus, und das Erdmännchen wurde jetzt ganz sentimental:
„Aber wozu hat man denn schließlich Freunde?“
Eddy war den Berghang genau bis vor den Eingang zu Brunos und Maries Behausung gerutscht, besser gesagt: wo einmal der Eingang war. Aber er wäre kein Erdmännchen, wenn er nicht die besten Gänge buddeln könnte. So hatte er sich kurzerhand von weiter oben zu den beiden durch gegraben und sie herausgeholt.
„Welch ein Glück, dass du ein Erdmännchen bist,“ Bruno war sehr stolz auf Eddy.
„Ich hätte dich auch gerettet, wenn ich ein Kanarienvogel wäre.“
„Das weiß ich doch. Du bist schließlich mein bester Freund.“
„Und ich war so doof zu dir.“ Eddy brach in Tränen aus. „Das tut mir soo leid.“
Dann fielen sich die Freunde in die Arme. Und es gab eine Versöhnung, wie es sie nur unter wirklich guten Freunden geben kann. Und es flossen natürlich Tränen der Freude. Und der Rührung. Vor allem bei Bärenmama Ursula.
“Aaah mes amis,“ rief Claude. „Wenn das kein Anlass ist für ein leckeres Tröpfchen!“
Schon holte er, der Teufel weiß woher, ein Fläschchen hervor. Dann gab es wieder ein wundervolles Fest dort oben auf dem Plateau vor der Bärenhöhle. Und: Es wurde auch eine Verlobungsfeier. Die von Bruno und Marie. Von nun an würde Eddy wohl alleine weiterziehen – ohne seinen treuen Begleiter. Doch jetzt konnte er sich aufrichtig mit seinem Freund freuen. Naja: Ein ganz klein wenig hatte er auch Mitleid mit Bruno. Denn der würde jetzt garantiert so manches verrückte Abenteuer verpassen.