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Auf in den Park

Welch ein wundervoller Herbsttag. Es war windig und kühl. Ganz anders als es Eddy Erdmännchen aus dem heißen Afrika gewohnt war. Und so beschloss er, einmal richtig ausgiebig durch die Natur zu stiefeln. Wer weiß, was es dort alles so zu entdecken gab?!

„Hey Bruno hast du Lust, mit mir in den Park zu kommen?“ fragte er seinen Freund die Fledermaus. „Eigentlich schon, aber ich habe mich mit ein paar von meinen Fledermauskumpels  verabredet. Bei dem Wind kann man nämlich so toll herumflattern.“
„Ihr Fledermäuse habt es echt gut. Herumflattern würde ich jetzt auch gern.“ „Aber dann wärst du ja ein Luftmännchen und kein Erdmännchen,“ frotzelte Bruno.“ „Haha, sehr lustig,“ Eddy fand das gar nicht witzig. „Ach komm, nicht traurig sein,“ tröstete ihn sein Freund. „Schon gut Bruno, kein Problem,“ Eddy hatte sich schnell wieder gefangen. „Ich wünsche dir viel Spaß, und grüß deine Flederfreunde von mir.“ „Danke Eddy, bis später.“ Und sogleich machte sich Bruno auf den Weg. „Und lasst euch nicht vom Bussard schnappen!“ rief Eddy seinem Freund noch hinterher. Aber das hatte der wahrscheinlich gar nicht mehr gehört.

So machte sich Eddy Erdmännchen eben allein auf den Weg. Gemütlich stapfte er vor sich hin und lauschte dem Laub, das unter seinen Füßen raschelte. Er ließ die Gedanken schweifen und den Wind um seine Nase pfeifen als er plötzlich ein lautes Zischen über sich vernahm. Und noch ehe er sich versah, flog irgendetwas über ihn hinweg. Dann war Stille. Aber es dauerte nicht lange und Eddy hörte erneut das Geräusch. Und wieder sauste dieses Etwas direkt über ihm durch die Luft. Er zuckte vor Schreck zusammen. Vielleicht ein Bussard? Er musste sofort an die vielen wilden Tiere in Afrika denken, vor denen sein Vater ihn immer gewarnt hatte.

Max und Jule

Während er noch erschrocken zum Himmel starrte, huschte unverhofft eine kleine, buschige Gestalt an ihm vorbei. Und hinter der flog dieses komische Ding, das ihm so einen Schreck eingejagt hatte. Jetzt konnte er es endlich genau erkennen: Es war ein Drachen. Der kleine Wicht hielt eine dünne Leine in seinen Pfoten, an dem dieser befestigt war. „Jule, pass auf,“ rief er, „ein Windstoß!“ Zu spät. Plötzlich schoss der Drachen herab und landete mit einem lauten Scheppern auf dem Rasen genau vor Eddys Nase. Erschrocken schrie er auf. Das entging auch dem kleinen Gesellen nicht. Vorsichtig schritt er auf Eddy zu und musterte ihn eingehend.

„Was bist du denn für einer?“ fragte er mit kritischem Blick. „Ich bin ein Erdmännchen. Ich heiße Eddy. Und du?“ „Ich bin Max, ich bin ein Eichhörnchen.“ „Manno, so ein Mist!“ Wie aus dem Nichts tauchte ein zweites, etwas kleineres Eichhörnchen auf. Allem Anschein nach, war das dann wohl Jule. Doch die nahm überhaupt keine Notiz von Eddy. Max wandte sich jetzt wieder dem anderen Eichhörnchen zu. „Das macht doch nichts. Ich halte ihn noch einmal hoch, und du läufst, ja?“

Dann hielt er den Drachen mit weit ausgestrecktem Arm in die Luft, und Jule rannte sogleich wieder los. Die Schnur spannte sich und mit einem Zischen schoss der Drachen hinauf in den Himmel, wo er sachte im Wind hin und her schwang. „Ich hab’s geschafft, Max. Ich hab’s geschafft,“ rief Jule voller Freude.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ja zu dritt waren. „Das ist Eddy, Eddy Erdmännchen,“ sagte Max und wandte sich sogleich dem Erdmännchen zu. „Und das ist meine kleine Schwester Jule“. Man muss wissen, dass bei Eichhörnchen viel Wert auf Höflichkeit gelegt wird. Das heißt: natürlich nur bei den gut erzogenen.

„Das ist aber ein wirklich schöner Drachen“, sagte Eddy. „Danke, den hat uns unsere Mama geschenkt“, erklärte Max, „als Belohnung fürs Nüsse sammeln und verstecken. Dann haben wir Eichhörnchen nämlich immer einen Vorrat für den Winter.“ „Dumm nur, dass wir alle Verstecke wieder vergessen haben“, fügte Jule hinzu. Eddy musste schmunzeln. Die beiden waren aber auch zu drollig.

„Schade, dass wir nicht auch so fliegen können wie unser Drachen“, sagte Max. „Wir sind eben Eichhörnchen und keine Flughörnchen“, belehrte ihn seine kleine Schwester etwas altklug. „Tja, also ich,“ Eddy richtete sich auf, hob sein Kinn etwas an und schaute stolz in den Himmel, als wollte er eine wichtige Rede halten: „Also ich würde mit eurem Drachen fliegen!“ „Echt jetzt?“ fragte Max ungläubig. „Los kommt, wir probieren es einfach aus“, schlug Jule vor. O je, auf was hatte sich Eddy da nur eingelassen?!

Vorbereitung

„Also wenn wir wirklich einen Flugversuch mit Eddy starten wollen, dann brauchen wir eine Halterung, aus der er nicht herausfallen kann,“ sagte Max. „Etwas zum Festhalten,“ fuhr er fort. „Aber ich muss darin auch laufen können, damit ich Schwung für den Start bekomme.“ Eddy hatte Recht. Schließlich konnte ein kleines Eichhörnchen wie Max ja nicht Eddy und den Drachen hochhalten. Jule hatte gleich eine gute Idee: „Wir nehmen meinen Schal, in den kann sich Eddy einwickeln. Und von der Schnur schneiden wir ein Stück ab, um alles am Drachen zu befestigen.“

Gesagt – getan! Eddy und die beiden Eichhörnchen setzten sich unter einen Baum und begannen mit der Tüftelei. Das war gar nicht so einfach. Aber ihre Geduld zahlte sich aus, und nach einer Weile war es schließlich so weit. „Bereit für eine Trageprobe?“, fragte Max, und Eddy stieg, ohne lange zu überlegen, in die selbstgebastelte Konstruktion. Die sah aus wie eine etwas größere Babywindel aus Wolle, die an mehreren Schnüren befestigt unter dem Drachen hing. Eddy hockte ungeduldig darin und wartete auf den Start. Das sah schon echt komisch aus, und die beiden Geschwister konnten sich das Lachen kaum verkneifen. Dann ging es endlich los.

Eddys verrückter Drachenflug

Eddy rückte sich die Fliegerbrille zurecht, die Max dabei hatte. Naja, eigentlich war es seine Taucherbrille, die noch zufällig in seinem Rucksack steckte. Max und Jule rannten sogleich mit der Schnur in ihren Händchen los. Eddy wartete bis die sich spannte, und dann startete auch er und lief in seiner ‚Windel‘ mit. Als sie schließlich die richtige Geschwindigkeit erreicht hatten, zogen die Eichhörnchen den Drachen samt Eddy in die Höhe. „Juhuuu, ich kann fliegen!“, rief er ausgelassen, während der Wind ihn langsam nach oben hob. Unten hörte er das Lachen von Jule und Max, die aufgeregt winkten und hüpften. „Toll, Eddy! Richtig klasse!!“

Das Erdmännchen war schnell so hoch gestiegen, dass er die beiden kaum noch hören konnte. Dafür sah er jetzt die gesamte Parkanlage und auch alle Straßen und Häuser in der Umgebung. Welch ein Ausblick! Ihr glaubt ja gar nicht, was für einen Spaß Eddy beim Drachenfliegen hatte. Aber der sollte nur von kurzer Dauer sein; denn schon nach kurzer Zeit begann es zu regnen. Zuerst waren es nur ein paar Tropfen, die der Drachen wie ein Regenschirm von Eddy fernhielt. Doch dann plötzlich ließ ein starker Windstoß den Regen bis unter den Drachen schlagen, der gleich darauf  wild hin und her schlug.
„Vorsicht Eddy,“ rief Jule von unten. Doch zu spät. Im Sturzflug sauste er mit einem lauten Schrei Richtung Boden. Erst im letzten Moment griff der Wind wieder unter den Drachen und hob ihn höher in den Himmel.

„Eddy, halt dich fest!“, rief Max. „Wir versuchen dich zu landen!“ Landen? Ach herrje, darüber hatten die drei ja noch gar nicht nachgedacht. Hoffentlich kracht der Drachen nicht einfach auf den Boden! „Max, wie bekommen wir Eddy wieder auf die Erde?“, Jule sah ihren großen Bruder verzweifelt an. „Ich weiß es nicht, Jule. Siehst du vielleicht eine Stelle, an der sich Eddy nicht wehtut, wenn er mit dem Drachen runter kommt?“ Die Eichhörnchen sahen sich um. Doch weit und breit war nichts zu sehen. Es war Oktober und die weichen Blumenbeete waren kahl und leer.

Aber es war sowieso längst zu spät. Denn ein zweiter heftiger Windstoß erfasste den Drachen samt Eddy und beförderte ihn geradewegs in einen großen Ahornbaum. Er rutschte durch das feuchte Geäst und wäre wohl auf den Boden geplumpst, wenn sich die Leine nicht an einem der Äste verfangen hätte. Und so baumelte er in seiner ‚Babywindel‘ an der Drachenschnur unter dem Baum. Das sah schon echt lustig aus, und als eine Igelfamilie vorbei kam, grüßte Eddy etwas verlegen und tat so, als würde er ein wenig schaukeln.

„Eddy, Eddy??? Bist du okay??“, Max und Jule kamen herbei gelaufen. „Alles gut. Ich hänge hier nur so rum,“ witzelte er. Aber eigentlich saß ihm noch ganz schön der Schreck in den Knochen. „Puh, na ein Glück. Für einen Moment ist mir wirklich das Herz in die Hose gerutscht,“ sagte Max erleichtert. Und sogleich machten sie sich daran, Eddy aus seiner Schaukel zu befreien.

„Hast du dir wehgetan, Eddy?“, fragte Jule. „Nein, mir geht es gut,“ beruhigte er sie. „Es war fantastisch dort oben, ich wünschte, ihr hättet das auch sehen können. Ist der Drachen noch heile?“ Max und Jule begutachteten ihr Fluggerät. „Nichts kaputt! Aber wir sollten aus dem Regen raus. Es ist wohl besser, wir gehen jetzt nach Hause und föhnen unser Fell.“ Eddy stimmte zu. Auch sein Fell war trotz der Regenjacke klitschnass geworden und musste dringend getrocknet werden. „Es war echt schön mit dir zu spielen, Eddy,“ sagte Max. „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Wir sind häufig hier im Park,“ fügte Jule hinzu. Und dann verabschiedeten sich Eddy und die beiden Eichhörnchen voneinander.

Eddys unglaubliche Geschichte

Glückselig machte sich das Erdmännchen wieder auf den Weg nach Hause, wo er gleich auf Bruno traf. „Hey Eddy, wie war dein Tag?“ „Erzähl du zuerst.“ Eddy tat ganz cool, dabei konnte er es eigentlich kaum erwarten, seinem besten Freund sein unglaubliches Erlebnis zu erzählen.

„Ach mein Tag war total langweilig,“ begann Bruno. „Eigentlich wollten wir Flederball spielen. Aber der eine Kumpel wollte dann doch lieber rumhängen, und der andere hatte noch Muskelkater vom letzten mal. Und außerdem hat er neuerdings Höhenangst – als Fledermaus!“ Bruno war ein bisschen genervt. „Und wie war es bei dir?“ „Ich… „ Eddy ließ sich viel Zeit mit seinen Neuigkeiten, „…also ich bin geflogen.“ „Waaas? – Du?“ Bruno konnte es nicht glauben. „Ganz genau, und zwar mit einem Drachen!“

Und dann erzählte Eddy von Max, von Jule und natürlich von seinem verrückten Drachenflug. Bruno war ziemlich beeindruckt: „Ich frage mich, wer von uns beiden eigentlich die Fledermaus ist?“ „Du kannst mich ja jetzt „Eddy Fledermännchen“ nennen,“ witzelte Eddy. „Dann muss ich jetzt noch lernen, Löcher zu buddeln, dann kannst du mich Bruno Erdmaus nennen,“ stimmte Bruno mit ein.

Sie scherzten noch eine ganze Weile herum. Und so wurde es am Ende auch für Bruno noch ein recht lustiger Tag. Aber soviel war sicher: Seinen Freund Eddy konnte er auf gar keinen Fall mehr alleine losziehen lassen. Denn dann würde er garantiert wieder ein wahrhaft verrücktes Abenteuer verpassen.