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Auf nach Afrika!

Kalt war es geworden und richtig ungemütlich. Die Sonne versteckte sich die meiste Zeit hinter dichten Wolken, und ständig regnete es. Anfangs war Eddy Erdmännchen ja noch richtig begeistert vom Herbst. Er hatte schließlich schon einen abenteuerlichen Drachenflug erlebt. Aber ständig dieses Wetter. Das war nichts für ein Erdmännchen. „Haaatschi!“ Auch sein Fledermaus-Freund Bruno hatte sprichwörtlich die Nase voll von der nassen Jahreszeit. Auch er sehnte sich nach der Sonne: „Vielleicht sollten wir es wie die Gänse machen. Die fliegen jeden Herbst einfach nach Süden – bis nach Afrika.“

„Oh ja, Afrika, da ist es warm. Das kannst du mir glauben.“ Eddy wusste, wovon er redete, schließlich war er dort aufgewachsen. Und als er so an seine Heimat dachte, bekam er plötzlich Sehnsucht nach seiner Familie. „Ich möchte meine Eltern und Geschwister wieder sehen,“ Eddy wurde jetzt ganz sentimental. Und nach einer kurzen Weile: „Ich will nach Afrika. Und weißt du was? Du kommst mit. Ich möchte, dass du alle kennenlernst.“ „Au ja, tolle Idee,“ Bruno war sofort begeistert. „Wir reisen einfach der Sonne hinterher, wie die Wildgänse. Was meinst du – vielleicht nehmen die uns ja sogar mit?!“ „Mmmh, warum nicht?! Am besten fragen wir die einfach mal,“ schlug Eddy vor. „Ich weiß auch, wo wir welche finden.“

Sogleich packten sie ein paar Sachen zusammen und machten sich auf zu den Fischteichen ganz in ihrer Nähe. Hier hatte Eddy im Sommer einmal Wildgänse beobachtet. Allerdings befürchtete er, dass die bereits die Gegend verlassen hatten. Die warme Jahreszeit lag schließlich schon lange zurück. An den Teichen angekommen bestätigte sich Eddys Vermutung. Alle Gänse waren bereits abgeflogen. Alle… bis auf eine.

Der verrückte Ernest

Eine einzelne Gans, genauer gesagt: ein Gänserich, hatte es sich im Schilfgras gemütlich gemacht und schnarchte vor sich hin. Bruno zuckte mit den Schultern: „Tja,  besser eine Gans als keine, oder?“ „Du hast recht!“ stimmte Eddy zu und stupste den Gänserich vorsichtig an. Dieser öffnete erst mal ein Auge, als wollte er mit dem anderen noch weiterschlafen.

„Hallo,“ Bruno wedelte mit seinem Flügel vor dem Gänserich herum. Jetzt riss der Vogel beide Augen weit auf. „Was ist los? Wo bin ich? Wo sind denn alle hin?“ rief er nervös. Dann lief er zum Ufer, zurück zu seinem Schlafplatz und wieder zum Ufer – hin und her. „Mir kommt der nicht vor wie eine Gans sondern eher wie ein aufgescheuchtes Huhn,“ witzelte Eddy. „Vielleicht ist er ja wirklich ein Huhn und trägt bloß noch sein Halloween Kostüm,“ stimmte Bruno mit ein. Und während sich die beiden Freunde noch über den Gänserich lustig machten, kam dieser langsamen Schrittes auf sie zu.

„Hallo, ich bin Ernest, der schwarze Schnabel der Familie“. „Hallo Ernest, ich bin Eddy,“ „Und ich heiße Bruno. Aber dein Schnabel ist doch gar nicht schwarz“. Ernest seufzte: „Das sagt man doch nur so unter Gänsen, wenn man nicht wie die Anderen ist. Ich habe schon wieder den Abflugtermin verschlafen. So wie jedes Jahr. Und jetzt fliegt meine Truppe ohne mich nach Süden.“ Dann senkte er den Kopf, und seine Stimme wurde ganz traurig: „Naja, dann reise ich eben wieder allein.“

„Wieso allein. Du hast doch uns,“ munterte ihn Bruno auf. „Wir wollen nämlich auch nach Süden.“ „Ach echt? Und wo ist eure Truppe?“ „Na ich finde, wir drei geben doch auch eine super Truppe ab,“ antwortete Eddy. „Genau, und wir dachten du könntest unser Reiseführer sein,“ fuhr Bruno fort. „Was, ich? Ein Reiseführer? Ein Anführer?“ Ernests Augen strahlten plötzlich angesichts dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Er schob seine Brust nach vorn und machte sich ganz groß. „Ich bringe euch nach Süden. Ich muss nur noch das Cockpit herrichten.“ Offensichtlich meinte er damit seinen Kopf, über den er sogleich eine Fliegerhaube mit großen Brillengläsern stülpte. Dann folgte sein Kommando: „Alle aufsteigen bitte!“.

Eddy nahm Platz auf Ernests Rücken, und dieser brachte sich auf dem Steg, der auf den See hinausging, in Stellung. „Hahaha, wir bräuchten jetzt nur noch ein paar Glühwürmchen als Startbahnbeleuchtung“, schnatterte Ernest, der offenbar viel Spaß an seiner neuen Aufgabe hatte. „Bitte schnallen Sie sich an. Flugkapitän Ernest bringt Sie sicher nach Süden!“ Er nahm Anlauf und spannte die Flügel, um sich sogleich mit kräftigen Schlägen in den Himmel zu erheben, gefolgt von Bruno, der direkt hinter ihm her flatterte. Eddy wollte es sich gerade in dem Gefieder des Gänserichs bequem machen, da hörte er schon das nächste Kommando: „Alles klar zur Landung!“ „Na, das war aber ein kurzer Flug,“ murmelte Eddy verwundert vor sich hin.

Stimmt, nach Afrika sah es hier wahrlich nicht aus. Ehe sie sich versahen, war Ernest auf einem kleinen Bahnhof gelandet. „Was machen wir hier?“ Bruno war überrascht neben ihm gelandet. „Wir nehmen den Zug! Schließlich bin ich ein: Zugvogel,“ sagte Ernest und starrte sie erwartungsvoll an. Eddy und Bruno waren erst etwas verdutzt. Und dann lachten sie laut los. Ernest war schon ein echt komischer Geselle. Aber offensichtlich hatte er wohl einen Plan: „Also, wir verstecken uns bis der Wagon beladen ist, und wenn der Zug langsam anrollt, dann springen wir hinein.“ Sie legten sich also auf die Lauer, und warteten in Ruhe ab. Und als sie da so zusammen hockten, wurde Ernest plötzlich nachdenklich.

„Wisst Ihr was? – Ich bleibe hier!“ „Was, du willst nicht mehr nach Süden?“ fragte Eddy. „Ihr habt mich auf eine tolle Idee gebracht. Ich gründe meine eigene Fluglinie,“ sagte Ernest, dann fuhr er in einem feierlichen Tonfall fort: „Ernest Airlines – das fliegende Gänsetaxi. Meine Gänsekumpels werden staunen, wenn die wieder zurück sind.“ Und noch ehe Eddy oder Bruno etwas sagen konnten, hatte der Gänserich sich schon in die Lüfte erhoben. „Gute Reise, meine Freunde!“ „Vielen Dank, Ernest“ „Und alles Gute für deine Fluglinie.“ Die beiden winkten ihm noch eine Weile hinterher. Dann war er verschwunden.

Eine Nacht im Zug

Endlich war der Moment gekommen. Quietschend und knirschend setzte sich der Güterzug in Bewegung. Eddy rannte sofort los mit dem flatternden Bruno über sich geradewegs Richtung Eisenbahnwagon. Direkt vor der Tür des Wagons machte Eddy einen Satz, und schon saß er im Zug. Für Bruno war es noch leichter: Er flatterte einfach in den Wagon und landete neben seinem Kumpel. Die Bahnfahrt würde sicher die ganze Nacht andauern, und so konnten sie es sich endlich gemütlich machen. Naja, gemütlich war es in dem Zuganhänger eigentlich nicht. Und es war dunkel, sehr dunkel. Also tastete sich Eddy vorsichtig zwischen den ganzen Kisten durch den Wagon. Bis er Brunos Stimme hörte. „Eddy, hier ist ein weicher Schlafplatz für dich!“

Ja, eine Fledermaus dabei zu haben, kann schon ein echter Vorteil sein: Die hören so gut, dass sie sogar in der dunkelsten Nacht alles erkennen können. Bruno hängte sich – ganz in Fledermausmanier – unter die Decke des Wagons, und Eddy kuschelte sich in das weiche Etwas. Und er wäre wohl genauso schnell wie Bruno eingeschlafen, wenn ihm nicht plötzlich irgendetwas auf die Pfote getropft wäre.

„Igitt, ist das Sabber?“ Erschrocken sprang er auf und sah direkt vor sich zwei glitzernde Augen, die ihn anstarrten. Dann ertönte ein grimmiges Knurren: „Grrrrrr.“ Eddy rutschte das Herz in die Hose: „Aaahhh, da ist was!“. Jetzt riss es auch Bruno aus dem Schlaf: „Ein Monster!“ – “Ich bin kein Monster“, ertönte es, „ich bin ein Ber…“ „Uaaaaah, ein Bär!“ rief Eddy. „Nein“, kam es mit einem Schmunzeln zurück, „ich bin ein Ber-nhardiner“. Irgendwie klang die Stimme jetzt gar nicht mehr so bedrohlich.

„Ein Bernhardiner?“ Langsam ging Eddy wieder in die Richtung, aus der er die Stimme vernommen  hatte. Und tatsächlich: Im fahlen Licht erkannte er die Umrisse eines großen Hundes. „Also eigentlich heiße ich Nebukadnezar,“ sagte dieser mit sanfter Stimme und einem Schweizer Dialekt, „aber alle nennen mich Bernd.“ „Hallo Bernd. Ich bin Eddy, ich bin ein Erdmännchen.“ „Und ich bin Bruno,“ schallte es von oben. Dann erzählte Bernd, dass er auf dem Weg zurück in seine Schweizer Heimat war. Dort arbeitete er als Rettungshund in den Bergen. Die drei setzten sich zwischen die Kisten und erzählten sich von ihren Abenteuern bis die ersten Sonnenstrahlen durch die Ritzen des Wagons schienen.

Es dauerte nicht lange, da hörten sie, wie der Zug in einen Bahnhof einfuhr und langsam zum Stehen kam. Jetzt hieß es, verstecken bis der Wagon ausgeräumt war. Dann sprangen die drei blinden Passagiere heraus und verschwanden im Sausewind von dem kleinen Bahnhof. Sie rannten ein paar hundert Meter und blieben schließlich in sicherer Entfernung auf einer Wiese stehen, um zu verschnaufen. Dann erst sahen sie sich um und wurden sogleich von einem wundervollen Anblick überwältigt: überall grüne Wiesen und Wälder und dahinter: riesige schneebedeckte Berge – die Alpen. „Meine Heimat!“ sagte Bernd voller Stolz. „Ist das nicht schön hier?“

In den Bergen

Bernd hatte wirklich recht. Eddy und Bruno verschlug es glatt die Sprache. „Ihr müsst jetzt nur noch den Berg dort hoch laufen,“ fuhr Bernd fort. „Von da ist es nicht mehr weit bis nach Italien.“ Und wieder war es Zeit, Abschied zu nehmen. „Leb wohl Bernd. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder,“ sagte Eddy. „Es war echt schön mit dir zu reisen,“ fügte Bruno hinzu. „Ja, es hat mir auch viel Spaß gemacht. Ich wünsche euch eine gute Weiterreise“.

Und dann machten sich Eddy und Bruno auf den Weg. Stundenlang ging es bergauf, und mit jedem Schritt kamen sie den Wolken näher. Und mit den Wolken wurde es nebeliger. Bis sie irgendwann gar nichts mehr sahen außer den ersten Schnee am Wegesrand. „Du Eddy, sagtest du nicht, es sei wärmer im Süden?“ „Ja, ich glaube, ich habe…“ Eddys Satz wurde durch ein lautes Donnern unterbrochen. „Ist das ein Gewitter?“ Eddy war unsicher. „Nein, das klingt irgendwie anders“.

Stimmt! Auf Brunos Ohren war Verlass. Zum Glück hatte sich der Nebel wieder etwas gelichtet. Jetzt sahen sie es: Eine riesige Schneelawine rollte auf sie zu. Bruno schoss in die Höhe, während Eddy einen dicken Eichenbaum hochflitzte, der am Wegesrand stand. Und dann polterten die Schneemassen direkt unter ihnen durch. Glück gehabt! Der Baum hielt der Lawine stand. Aber er schaute nur noch ein paar Meter aus dem Schnee heraus. Und so saßen die beiden Freunde in der Baumkrone der Eiche und wussten nicht mehr weiter. Stunden vergingen und es wurde dunkel. Dunkel und kalt – so kalt, dass Brunos Flügel einfroren. „Ich will wieder in den Norden, da ist es wärmer.“ „Oh ja Bruno, was haben wir uns nur dabei gedacht?!“ Verzweifelt kauerten sich die Freunde zusammen. Um sie herum: Stille, nichts als Stille.

Die Rettung

Plötzlich drang eine Stimme aus der Ferne zu ihnen herüber. „Hallo, haaallooo!“ „Hast du das gehört Eddy?“ „Ja, aber was war das?“ „Hallo, Eddy! Hallo Bruno!“ Die Stimme klang irgendwie vertraut. Mit lauten Rufen machten die Freunde auf sich aufmerksam. Und wer tauchte plötzlich aus der Dunkelheit auf? – Bernd der Bernhardiner. „Ich habe im Dorf von der Lawine gehört, und dann bin ich gleich losgelaufen. Kommt, springt auf meinen Rücken, ich bringe euch zu einer Schutzhütte in der Nähe.“

Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen. Sie sprangen auf Bernds Rücken, kuschelten sich in das flauschige Fell ihres Retters, und los ging es. An der Hütte angekommen, überreichte Bernd ihnen noch ein kleines Fässchen, das er um den Hals gebunden hatte. „Da ist heiße Schokolade drin,“ sagte er mit fürsorglicher Stimme. „Naja, so ganz heiß ist die jetzt wohl nicht mehr.“ „Vielen Dank, Bernd. Du hast uns gerettet,“ sagte Eddy. „Das werden wir dir nie vergessen,“ fuhr Bruno fort. „Ach, dafür nicht! Ist ja schließlich mein Job,“ entgegnete Bernd mit seiner beruhigenden, tiefen Stimme. Und Freunde rette ich besonders gerne.“

Dann hieß es aber wirklich Abschied nehmen, denn der Berghund hatte noch einige Rettungen vor sich. Eddy und Bruno ließen sich erschöpft und erleichtert auf eine Bank in der Hütte fallen und wickelten sich in ein paar Decken ein, die dort lagen. Draußen war es sternenklar und still. Und drinnen? Drinnen saßen zwei glückliche Gefährten und wärmten sich an einer wundervollen heißen, naja, warmen Schokolade. Ganz sicher die allerleckerste Schokolade, die sie je getrunken hatten.