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Der erste Schnee

Eddy Erdmännchen und sein Freund Bruno Fledermaus hatten nicht sehr gut geschlafen. Die Bank, auf der sie lagen, war hart, ihre Decken ein wenig zu dünn, und der Wind pfiff durch alle Ritzen ihrer Schutzhütte. Schließlich war es ja auch nur eine Zuflucht für verirrte Bergwanderer, in die sie sich da gerettet hatten.

Also war Eddy schon beim ersten Tageslicht von seinem unbequemen Schlafplatz aufgestanden und nach draußen gegangen, um ein wenig frische Luft zu schnappen. „Bruno, Bruno, schnell komm raus, das musst du sehen!“. Die Fledermaus flatterte gleich nach draußen und sah das Erdmännchen staunend, ja fast andächtig, vor der Hütte stehen. Über Nacht hatte es zu schneien begonnen, und die ganze Landschaft war wie in weiße Zuckerwatte getaucht.

„Ist das schön!“ staunte Eddy. So etwas hatte er noch nie gesehen. Für Bruno war das natürlich nichts Neues. Schließlich hatte er schon so manchen Winter in seiner Heimat erlebt, wenn auch noch keinen so schönen, wie hier oben in den Alpen. Die Fledermaus war eher ein wenig besorgt: “Ich glaube, wir sollten uns schnell auf den Weg machen, bevor wir hier einschneien. Unser Reiseproviant reicht nämlich nicht mehr sehr lange.“ „Du hast Recht, Bruno. Lass uns sehen, dass wir hier weg kommen, solange die Wege noch nicht zugeschneit sind.“ So verließen die Freunde ihre Zuflucht und machten sich wieder auf den Weg.

Immer bergauf

Von der Hütte aus führte ein schmaler Pfad den Berg hinauf. Den schlugen die beiden Gefährten ein. Schritt für Schritt stapfte Eddy durch den langsam zunehmenden Schnee, und mit jedem Meter wurden seine Beine schwerer. Berge zu besteigen ist eben nichts für Erdmännchen. Allerdings erging es Bruno, der neben ihm flatterte, nicht viel besser: Seine Flügel wurden allmählich steif von der Kälte. „Wenn Bernd recht hatte, dann muss bald der Gipfel erreicht sein.“ sagte Eddy, der schon ziemlich aus der Puste war. „Und dann geht es nur noch bergab, bis nach Italien.“ fügte Bruno aufmunternd hinzu. Bernd der Bernhardiner, der sie zuvor aus der Schneelawine befreit und zu der Schutzhütte gebracht hatte, hatte ihnen genau den Weg beschrieben. Und der kannte sich schließlich in der Gegend aus.

Stundenlang ging es durch den Schnee, bis die Sonne langsam wieder unterging und Dunkelheit sich über die Berge senkte. Aus den vereinzelten Schneeflocken war mittlerweile ein wahres Schneegestöber geworden, und es wurde so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht sehen konnten. „O je, Bruno. Ich glaube, wir haben die Orientierung verloren. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo es weitergeht.“ In Eddys Stimme klang schon erste Verzweiflung mit. Bruno war da zum Glück  gelassener. Mit seinen Fledermausohren konnte er schließlich auch im Dunkeln noch Einiges erkennen. Und schließlich: „Eddy, Eddy, da! Eine Hütte!“

Die einsame Hütte

Ein kleines Stück abseits des Weges stand, einsam und allein, eine alte Berghütte. Erleichtert stürmte Eddy durch den tiefen Schnee, während Bruno über ihm flatterte, bis sie vor der Tür des Holzhäuschens standen, an der Eddy sogleich beherzt anklopfte. „Hallo, jemand zu Hause?“ Keine Antwort. „Hallo!“ Stille. „Tja Bruno, ich glaube…,“ Eddy unterbrach seinen Satz; denn er stellte plötzlich fest, dass sein Begleiter verschwunden war. „Bruno! Bruuunooo!“


Ach herrje! Wo war Bruno denn? Verzweifelt rief er nach seinem Freund. In der Sekunde hörte er ein Geräusch, das direkt von der Tür kam. Es machte klack und nochmal: klack, gefolgt von einem langen und unheimlichen Knarzen. Langsam öffnete sich die Holztür der Hütte – aber erst einmal nur einen Spalt, und durch den lugte eine kleine pechschwarze Gestalt. „Haaaa!“ Eddy schrie auf. Ihm blieb vor Schreck das Herz stehen. Doch dann schaute ihn die Gestalt mit zwei glitzernden Augen an, gefolgt von einem verschmitzten Lächeln. Und sogleich erkannte er eine vertraute Stimme: „Bruno? – Bruno!“ “Bitte treten Sie ein, mein Herr!“ sprach dieser in aufgesetztem Tonfall. „Bruno, du hast mich zu Tode erschreckt.“ „Tschuldigung, Eddy.“ Die Fledermaus war einfach durch den Schornstein des Kamins in die Hütte geflogen und konnte so die Tür von innen aufschließen. Schwarz wie ein Schornsteinfeger stand sie nun vor Eddy und hielt sich den Bauch vor Lachen. Der schaute erst mal etwas beleidigt aus der Wäsche, doch nicht lange, da musste er lauthals mitlachen.

In der Hütte war es dunkel und kalt. Spinnweben hingen an Fenstern und Holzbalken. Dicker Staub lag überall, und es roch ziemlich muffig. Hier war schon lange niemand mehr gewesen. „Schau mal Eddy,“ Bruno hatte sich sogleich mit seinen Fledermausohren in der Hütte ‚umgehört‘, „hier ist sogar Holz für den Kamin.“ „Super, dann haben wir es auch schnell kuschelig warm.“ Und ehe Bruno sich versah, hatte Eddy ein paar Holzscheite in den Kamin geworfen und Feuer gemacht. Wie das geht, hatte er schon in Afrika gelernt, wenn er dort heimlich die Menschen beobachtete.

Die Flammen leuchteten hell, und schnell verbreitete sich eine wohlige Wärme im Raum. Jetzt konnten die beiden Freunde auch erkennen, dass die Berghütte eigentlich ganz gemütlich war. Zufrieden ließen sie sich in einen riesigen Ohrensessel fallen, der direkt vor dem Kamin stand und schauten in das gemütliche Licht. „Ist das herrlich.“ Besonders Bruno hatte sich sehr nach einem wärmenden Feuer gesehnt. „Oh, ja Bruno, jetzt bräuchten wir nur noch was Leckeres zu essen“. Dummerweise war der Proviant mittlerweile aufgebraucht, und langsam machte sich ein unangenehmes Hungergefühl bei den beiden breit. So saßen sie da gut aufgewärmt aber mit knurrenden Mägen, als sie plötzlich eine leise Stimme hörten.

Die kleinen Mitbewohner

„Huhu!“ „Hast du das gehört, Eddy?“ „Huhu, ist da wer?“ Die Stimme schien direkt aus dem Polster ihres Sitzes zu ihnen zu sprechen. Die beiden schreckten hoch und drehten sich sogleich wieder zum Sessel um: „Wer ist da?“ riefen sie wie aus einem Munde. Und dann. Ja was war das denn? Ein Käfer kam aus der Ritze zwischen den Sesselkissen hervorgekrochen.

„Huhu! Wer seid ihr?“ „Ich bin Eddy Erdmännchen.“ „Und ich bin Bruno Fledermaus.“ „Seid ihr gefährlich für Käfer?“ „Aber nein,“ antwortete Eddy. „Ich habe sogar ein paar Käferfreunde in meiner Heimat!“ fügte Bruno hinzu. „Wie heißt du denn?“
„Ich bin Paula. Und das hier sind meine Kinder,“ sagte die Käferdame und drehte sich dabei wieder zum Sessel um. „Kinder kommt raus! Die Luft ist rein!“ Es vergingen ein paar Sekunden. Und dann kamen plötzlich lauter kleine Käferkinder, eins nach dem anderen, hervorgekrochen. „Darf ich vorstellen: Das ist Eins, das ist Zwei, das ist Drei, das ist Vier, das ist….“

Und dann zählte Frau Käfer ganz geduldig ein Kind nach dem anderen auf. „… und das ist Fünfzehn. Wisst ihr, bei so vielen Kindern gebe ich meinem Nachwuchs lieber Nummern. Einen Namen können sie sich dann später selbst überlegen.“ „15 Kinder! Ihr seid aber wirklich viele!“ staunte Eddy. „15? – Ach entschuldigt,“ entgegnete Frau Käfer, „Nummer Fünfzehn, hol doch mal die anderen rein!“ Fünfzehn flitzte los und kam mit weiteren 10 Käferchen zurück. Und auch die stellte Paula brav vor. Aber wie die hießen, könnt ihr euch ja sicherlich schon denken.

Und als sie schließlich damit fertig war, sprach sie den schönsten Satz, den Eddy und Bruno an diesem Tag hören würden:
„Möchtet ihr vielleicht etwas essen?“ „Du hast was zu essen?“ Die Freunde konnten ihr Glück kaum fassen. „Oh ja, die leckersten Käferleckereien: faule Äpfel, schimmeliges Brot, ranziger Käse,…“ Man muss wissen: Käfer futtern gerne das, was Menschen so liegen lassen und halten damit so manchen Ort sauber. Aber für unsere Freunde war das nichts. „Äh, habt ihr vielleicht auch was anderes? “ fragte Bruno vorsichtig. „Oh ja natürlich, kommt mit.“ Und ehe die beiden sich versahen, war Paula in einem Spalt im Holzboden verschwunden. Toll! Da passten ein Erdmännchen und eine Fledermaus natürlich nicht durch. Doch bald entdeckten sie, dass der Spalt zu einer Bodenklappe gehörte, die sie sogleich öffneten.

Und dann bot sich ihnen ein Anblick, den sie so schnell nicht vergessen sollten. Staunend standen sie vor einer prall gefüllten Vorratskammer mit allem, was ein Erdmännchenherz und natürlich auch ein Fledermausherz begehrten. Trockenfrüchte und Honig, gut verpacktes Brot und Gemüse in Dosen, die Bruno mit seinen spitzen Fledermauszähnchen spielend aufbekam. Und während die Hütte draußen langsam im Schneegestöber verschwand, wurde drinnen nach Herzenslust bei lauschigem Kaminschein geschlemmt. „Du Eddy, ich glaube, hier können wir es eine Weile aushalten.“ „Du hast recht Bruno. Wir sind zwei echte Glückspilze.“

Die Beiden beschlossen also erst einmal zu bleiben. Und Langeweile hatten sie fürwahr nicht; denn mit der Käferfamilie war es immer recht lustig. Sie spielten ‚Erdmännchen ärgere dich nicht‘. Dabei hüpften die kleinen Käfer mit bunten Hütchen als Spielfiguren auf dem Feld herum. Außerdem: ‚Käferkniffel‘ ‚Fang die Fledermaus‘ und natürlich: Verstecken. Darin sind Käfer ja bekanntlich Meister.

Eddys erstes Weihnachtsfest

Die Tage vergingen wie im Flug. Bis eines Tages, es war schon spät am Abend, plötzlich ein ungewöhnlicher Laut zu ihnen drang. Eddy vernahm ihn als erster: „Seid mal still! Da draußen ist was!“ Paula und die Kinder verschwanden im Sausewind in allen Ritzen der Hütte. Dann hörten sie ein knarzendes Geräusch, als wenn jemand schweren Schrittes durch den Schnee stapfte. „Eddy, die Schritte kommen näher…“ Bruno hatte es kaum ausgesprochen, da ertönte, bumm bumm, bumm, ein dumpfes Klopfen von der Tür. „Los, verstecken!“ rief Eddy hastig. Und sogleich krochen die beiden Freunde unter den Sessel und machten sich ganz klein. „Vielleicht der Besitzer der Hütte“ flüsterte Bruno mit zitternder Stimme. „Nee, der muss doch nicht anklopfen.“ Da hatte Eddy natürlich recht. Aber wer war es dann?

So lagen sie da mucksfledermäuschenstill und warteten. Und schon nach kurzer Zeit hörten sie wieder die schwere Schritte, die sich dieses mal aber entfernten, gefolgt von den Geräuschen eines Pferdegespanns. Danach wurde es still. Die beiden Gefährten warteten noch eine ganze Weile – sicher ist sicher. Doch schließlich nahm Eddy seinen ganzen Mut zusammen, schlich zur Tür, öffnete sie ganz leise und ging vorsichtig hinaus. Einen Moment war Stille. Dann hörte man ihn mit gedämpfte Stimme rufen: „Alles okay! Ihr könnt alle rauskommen!“ Nach und nach kamen jetzt alle wieder aus ihren Verstecken und schlichen nach draußen. Dort sahen sie Eddy, der aufrecht auf einer kleinen Erhebung vor der Hütte stand und Ausschau hielt – so wie man das eben von Erdmännchen kennt.

Die Nacht war sternenklar, der Mond schien hell, und in der Ferne sahen sie die Lichter eines Pferdeschlittens, der allmählich in der Dunkelheit  verschwand. „Kinder, Bruno, Eddy schaut mal!“ Paula hatte sie zuerst entdeckt: Auf einer Bank neben der Tür lagen lauter kleine bunte Päckchen, genauer gesagt: 28 Päckchen. Ganz offensichtlich für jeden eines; denn auf jedem stand ein Name oder eine Nummer. Sogleich verteilte Paula die Pakete und dann begann das große Auspacken. „Schau mal Eddy, ich habe endlich eine Flugbrille.“ „Und ich habe einen Kompass und eine Karte. Wir werden uns nie mehr verlaufen.“
Paula hatte ein dickes Kochbuch bekommen ‚Die schönsten Rezepte aus Kuhfladen.‘ Und die Kinder bekamen jede Menge leckerer Süßigkeiten, naja, Käfersüßigkeiten.

Und als sie so da draußen standen und sich über ihre Geschenke freuten, vernahmen sie einen sehr vertrauten Klang in der Ferne. „Hörst du das Eddy“ „Ja Bruno“. Unten im Tal läutete eine einsame Kirchenglocke. Und während die Glockenschläge noch von Berg zu Berg sprangen und als Echo zu ihnen drangen, hielt Paula plötzlich inne. „Kinder kommt alle her!“ rief sie.
Die kleinen Käfer eilten herbei, stellten sich im Kreis um ihre Mutter auf und hielten sich – alle fünfundzwanzig – bei den Händchen. Und dann begannen sie zu singen: Ihr Käferlein kommet, oh kommet doch all – so schön, dass Eddy und Bruno Tränen der Rührung die Wangen herunter kullerten. „Frohe Weihnachten, Eddy.“ „Frohe Weihnachten, Bruno.“

Welch ein wundervoller Abend. Der geheimnisvolle Schlitten war längst in der Dunkelheit verschwunden. Aber das Klappern des Pferdegeschirrs war immer noch ganz leise zu hören. Wer das wohl war? Hast du eine Ahnung?

Eddys erstes Weihnachtsfest

Eddys erstes Weihnachtsfest wird weiß, sehr weiß. Denn das Erdmännchen ist mit seinem Freund Bruno in einer einsamen Berghütte eingeschneit. Aber, wie sich herausstellt: Sie sind nicht allein in ihrer Hütte.